Finnland versucht zunehmend, seine Gefängnisse stärker zu digitalisieren und digitale Kompetenzen als Teil der Resozialisierung zu sehen. Das zeigt sich vor allem an einem Projekt der finnischen Strafvollzugs- und Bewährungsbehörde RISE und des finnischen Technologieunternehmens Metroc: Gefangene trainieren im Rahmen des Projekts die künstliche Intelligenz. Das Projekt startete im Jahr 2022 und wurde bereits in vier Strafvollzugsanstalten in Finnland umgesetzt.

Eine KI lernt, indem Menschen ihr anhand zahlreicher Beispiele zeigen, welche Informationen relevant sind und wie sie eingeordnet werden sollen. Menschen lesen Texte, markieren relevante Informationen und beantworten vorgegebene Fragen. Die KI erkennt daraus mit der Zeit ein Muster und kann dieses später auf neue Daten übertragen. Bei Metroc geht es konkret um Dokumente aus der finnischen Bauwirtschaft. Bevor die eigentliche Arbeit beginnt, lernen die Gefangenen zunächst die Grundlagen der Branche: Welche Arten von Bauprojekten gibt es? Welche Akteure sind beteiligt? Und welche Phasen durchläuft ein Bauprojekt? Anschließend lesen sie Texte, suchen bestimmte Informationen und beantworten Fragen dazu. Die Antworten werden genutzt, um die KI zu trainieren. Obwohl diese Arbeit für die Entwicklung von KI-Systemen wichtig ist, sind die Aufgaben häufig repetitiv und wenig abwechslungsreich. Gerade diese Art von Arbeit ist in den vergangenen Jahren immer wieder in die Kritik geraten. Unternehmen wie OpenAI und Google wurden dafür kritisiert, die Datenkennzeichnung an gering bezahlte Arbeitskräfte im Ausland auszulagern.

Das Projekt wird von Forschenden der Universität Helsinki begleitet. Ziel der Untersuchung ist es, herauszufinden, welchen Nutzen das Projekt für die einzelnen Beteiligten hat. Außerdem soll untersucht werden, wie der Prozess des KI-Trainings funktioniert und welche Möglichkeiten und Anforderungen sich für Gefängnisarbeit im digitalen Zeitalter ergeben. KI-Training soll die digitalen Fähigkeiten, das Leseverständnis und die Konzentration fördern, Kompetenzen, von denen Gefangene nach ihrer Entlassung für Ausbildung, Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe profitieren. Wer nach seiner Entlassung in einer digitalen Gesellschaft leben und arbeiten soll, braucht digitale Kompetenzen. Das Projekt ist besonders geeignet für jene, die beispielsweise aus Sicherheitsgründen nicht in einer Gruppe arbeiten können oder körperlich eingeschränkt sind.

Die geleistete Arbeit hat einen wirtschaftlichen Mehrwert, da sie nicht ohne Weiteres von internationalen Akteuren übernommen werden kann. Zum einen beherrschen finnische Gefangene die finnische Sprache. Dies ist angesichts der kleinen finnischsprachigen Bevölkerung von rund fünf Millionen Menschen und der hohen Lohnkosten in Finnland ein kosteneffektiver Zugang zu dieser Sprachkompetenz für Unternehmen. Zum anderen erfassen sie Nuancen und Besonderheiten des finnischen Kontexts leichter. Solche spezifischen sprachlichen und kulturellen Kenntnisse sind auf internationalen Plattformen für Datenarbeit nur schwer zu finden. Wenn Gefangene im Gefängnis künstliche Intelligenz trainieren, treffen die Bedürfnisse des öffentlichen und des privaten Sektors auf eine funktionierende und außergewöhnliche Weise aufeinander, so Professorin Minna Ruckenstein von der Universität Helsinki.

Vergütet wird das Training der KI grundsätzlich wie andere Gefängnisarbeit auch. Allerdings ist und bleibt Gefängnisarbeit ein sensibler Bereich. Gefangene haben keinen freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Ihre Bewegungsfreiheit und ihre Möglichkeiten, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen selbst zu bestimmen, sind eingeschränkt.

Vor diesem Hintergrund lässt sich festhalten: das finnische Projekt zeigt, dass Gefängnisarbeit im digitalen Zeitalter neue Möglichkeiten bieten kann. Gefangene können digitale Fähigkeiten erwerben, die ihnen nach ihrer Entlassung zugutekommen, während Unternehmen von ihren sprachlichen und kulturellen Kenntnissen profitieren. Dennoch wirft es die Frage auf, wie fair solche Arbeit vergütet wird und wo die Grenzen zwischen Resozialisierung und wirtschaftlicher Nutzung liegen. Eine differenzierte Betrachtung ist stets notwendig.

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