Der Fall Gisèle Pelicot hat weltweit für Entsetzen gesorgt. In Frankreich wurde bekannt, dass ihr damaliger Ehemann sie über Jahre hinweg heimlich betäubte und vergewaltigte. Zudem lud er andere Männer dazu ein, sie zu vergewaltigen. Die Taten wurden teilweise aufgezeichnet. Dominique Pelicot wurde im Dezember 2024 zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Der Fall machte eine erschreckende Form sexualisierter Gewalt sichtbar: Ein Mensch wird bewusst in einen Zustand versetzt, in dem er sich nicht wehren kann, während andere über seinen Körper verfügen. Die Aufzeichnungen der Taten verstärkten die Dimension dieses Verbrechens.

Für mich brachte die Berichterstattung über den Fall Pelicot jedoch noch etwas anderes zurück: eine lange zurückliegende Begegnung, die ich damals nicht einordnen konnte.
Einige Zeit später wurde mir im Internet ein Beitrag angezeigt, in dem es genau um dieses Thema ging: um den Wunsch, maximale Kontrolle über einen anderen Menschen zu erlangen.

Ein Beitrag, der eine Erinnerung zurückbrachte

Der Leiter des Vereins NEUSTART in den Bereichen Niederösterreich und Burgenland, Alex Grohs, veröffentlichte am 18. August 2026 auf Facebook einen Beitrag mit dem Titel „Es geht nicht um Sexualität, sondern um maximale Kontrolle“.
In diesem Beitrag richtet Herr Grohs den Blick auf einen Aspekt, der auch für meine spätere Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung wichtig wurde:
Es gehe bei solchen Taten nicht allein um Sexualität, sondern insbesondere um Macht, Kontrolle und die bewusste Ausschaltung des Willens eines anderen Menschen.
Thematisiert werden dabei unter anderem das Betäuben einer Partnerin oder eines Partners, sexuelle Handlungen ohne deren Zustimmung, das Filmen der Taten sowie die mögliche Weitergabe oder Verbreitung solcher Aufnahmen. Dadurch wird der betroffene Mensch nicht nur körperlich, sondern auch in seiner Selbstbestimmung und Würde verletzt.

Quelle: Facebook-Beitrag von Alex Grohs, 18. August 2026
https://www.facebook.com/share/p/1HN2VufndG/?mibextid=wwXIfr

Diese Gedanken brachten mich in eine emotionale Situation, denn lange schlummerte in mir eine vergangene, wahre Geschichte. So antwortete ich auf diesen Beitrag in kurzen Worten (Auszug daraus): „Man kann zusammenfassend sagen: Personen, welche solche Taten verüben, wollen ihr maximales Ziel erreichen und dulden keinen Widerspruch.“
Nun war es so weit:
Ich war völlig ergriffen. Die Worte, die ich mit einer Bekannten vor vielen Jahren ausgetauscht hatte, bewegten mich nun stark.

Eine Erinnerung, die mich nicht mehr losließ

Eine Situation kam mir vor Augen und ließ mich nicht mehr los.
Ich konnte diesen Tag förmlich spüren und das sanfte Blätterrauschen des alten Baumes hören.
Als meine Bekannte – nennen wir sie für diesen Artikel Maria – an diesem Tag bei mir im Garten saß, kam es zu einer einschneidenden Situation.
Mir wurde sehr Intimes aus dem Leben der jungen Frau, die mir gegenüber saß, erzählt.
Sie merkte an, dass sie wissen wolle, was ich über eine gewisse Situation halte und ob dies auch bei mir so praktiziert würde. Anschließend erzählte sie mir, dass ihr Freund jahrelang immer wieder mit ihr Geschlechtsverkehr habe, während sie schlafe.
Ich war etwas irritiert und fragte, wie ich mir das vorstellen könne.
Sie erzählte mir so locker davon, als wäre es eine ganz normale Angelegenheit.
Er dringe nachts, wenn sie schlafe, in sie ein.
Dies, so gab sie an, würde sie aber nicht bemerken, da sie über einen sehr tiefen Schlaf verfüge. Auf meine Frage, ob sie immer so tief schlafe, antwortete sie, dass dies meist so sei.
In mir keimte die Frage auf, ob dieser tiefe Schlaf tatsächlich so harmlos sei und was er wohl tun würde, wenn sie in dieser Situation aufwachte. Meine Gedanken kamen an diesem Tag nicht zur Ruhe.
Viele Fragen blieben unausgesprochen, denn für mich war diese immer wiederkehrende nächtliche Situation äußerst besorgniserregend.

„Ohne die Einverständnis einer anderen Person darf man doch nicht über deren Körper verfügen!“, dachte ich mir. Er vollzog somit nach ihrer Schilderung sexuelle Handlungen an ihr, während sie tief schlief, ohne sie davor zu fragen, ob ein Geschlechtsverkehr ohne ihr bewusstes Einverständnis überhaupt erwünscht sei.
Meinen Erinnerungen zufolge teilte sie auch mit, dass ihn der Anblick der schlafenden Frau in tiefe Erregung versetze und er es dann einfach mit ihr tun müsse.
Ich wollte zögerlich wissen, wie sie, wenn sie doch so tief schläft, von diesen nächtlichen Aktivitäten überhaupt erfahren hat.
Sie entgegnete, sie würde dies erst am nächsten Tag beim Aufstehen feststellen. Dann würde ihr der „Liebessaft“ an den Beinen herunterrinnen und sie wüsste, dass er es wieder mit ihr „gemacht“ habe.

Eine verstörende Antwort

Natürlich fragte ich Maria, ob sie ihren Mann darauf schon einmal angesprochen habe. Anfangs, so sagte sie, sei sie irritiert gewesen und habe nicht gewusst, was diese Flüssigkeit war.
Sie habe sich auch Sorgen gemacht und gedacht, sie wäre eventuell inkontinent geworden. Irgendwann aber, als sie andere Ursachen ausgeschlossen hatte, so berichtete sie mir, habe sie gemeint, es könne nur Sperma sein. Erst dann hat sie ihn zögerlich gefragt, da sie sich dafür schämte.
Ihre Sorgen waren aber, so sagte sie, letztlich unbegründet.
Sie teilte mir mit, dass er ihr darauf eine romantische Antwort gegeben habe. Diese hat gelautet: „Ich liebe dich einfach so sehr und wenn ich es tue, dann fühlt es sich an, als wärst du tot – nur dass du halt noch warm bist.“
Das entsetzte mich damals sehr. Aufgrund meines jungen Alters war ich völlig verwirrt und überfordert. Emotional stark aufgewühlt fragte ich sie, warum sie sich nicht von ihm trenne, denn diese Handlungen waren für mich damals pervers und nekrophil. Anmerken möchte ich diesbezüglich, dass eine Diagnose über das Verhalten eines Menschen nur einer fachlich dafür ausgebildeten Person zusteht. Mit dem heutigen Wissen distanziere ich mich klar von meiner damaligen persönlichen Einschätzung.

Sie beschwichtigte mich und meinte nur: „Wenn er es mit mir tut, dann geht er nicht womöglich eines Tages auf den Friedhof!“ Daraufhin war ich so überwältigt und entsetzt, dass ich den Kontakt später abbrach.
Es war mir damals nicht möglich, mich diesem wichtigen Thema anzunehmen, und ich hatte Sorgen um mein eigenes Seelenheil.

Was ich heute anders sehe

Nach vielen Jahren kann ich nun auf diese verstörende Situation zurückblicken.
Hätte ich damals das Wissen von heute bereits besessen, wäre ich ihr beigestanden und hätte ihr zugehört.

Was tat dieser Mann in meinen Augen?

Wenn sich die damalige Schilderung so zugetragen hat, wie sie mir erzählt wurde, hatte dieser Mann sexuelle Handlungen an Maria vorgenommen, während sie schlief, ohne zuvor ihre Zustimmung einzuholen. Er hatte damit in meinen Augen über ihren Körper verfügt, weil er selbst entschieden hatte, dies zu tun.
Entscheidend ist nicht allein, ob zuvor ausdrücklich gefragt wurde, sondern ob für eine sexuelle Handlung an einer schlafenden Person tatsächlich eine wirksame Zustimmung bestand.
War er vielleicht der Meinung, es bedürfe keiner Erlaubnis, weil sie in einer Beziehung zueinander standen?
Wir werden es nicht erfahren.

Was bleibt, ist die traurige Erinnerung an eine Frau, die mir damals schilderte, dass ihr Partner wiederholt sexuelle Handlungen an ihr vorgenommen habe, während sie schlief.
Ob sich die Situation tatsächlich genau so zugetragen hat, wie ich sie heute nach vielen Jahren erinnere, kann ich nicht mehr überprüfen. Ich kann nur wiedergeben, was mir damals erzählt wurde und was davon bei mir zurückgeblieben ist.

Was mich diese Gegebenheit lehrte

Bitte, liebe Leserinnen und Leser: Hören Sie zu, wenn Ihnen jemand solche Informationen mitteilt.
Seien Sie empathisch.
Es ist vollkommen in Ordnung, wenn Sie – so wie ich damals – verstört, betroffen oder überfordert sind.
Sie müssen nicht sofort die richtige Antwort kennen aber Sie können zuhören.
Ob hinter einem solchen Verhalten eine psychische Störung steht, lässt sich aus der Ferne nicht beurteilen. Ob konkrete Handlungen strafrechtlich relevant sind, ist davon getrennt zu betrachten und gegebenenfalls von den zuständigen Behörden und Gerichten zu beurteilen. Eine fachliche Einordnung gehört in die Hände entsprechend ausgebildeter Fachleute.

Was bedeutet das für Sie?

Werten Sie Ihr Gegenüber nicht ab. Diese Person wurde möglicherweise bereits in anderer Weise abgewertet. Seien Sie für sie oder ihn da – denn auch Männer können Opfer solcher Taten werden.
Bieten Sie Hilfe an.
Wenn die Offenheit und die Scham nicht zu groß sind, können Sie beispielsweise anbieten, gemeinsam professionelle Hilfe zu suchen oder mit der betroffenen Person zu einer nahegelegenen Polizeiinspektion zu gehen, um die Erlebnisse zu schildern. Wichtig ist dabei auch, die Entscheidung der betroffenen Person zu respektieren.
Hilfe bedeutet nicht, einem anderen Menschen erneut die Kontrolle zu nehmen. Hilfe bedeutet, da zu sein und Möglichkeiten aufzuzeigen.

Was ich damals hätte tun können

Ich hätte da sein sollen und weiter zuhören müssen. Aber ich konnte nicht. Ich war überfordert aber ich hätte mir selbst Hilfe holen können, um mit jemandem darüber zu sprechen, der dafür qualifiziert ist.
Heute weiß ich, dass man nicht alle Antworten selbst haben muss aber man muss sich nicht schämen, Unterstützung zu holen.

Wenn Sie selbst betroffen sind: Die Verantwortung dafür trägt nicht das Opfer. Scham ist eine häufige Reaktion – aber sie gehört nicht Ihnen, sondern zu dem, was Ihnen angetan wurde. Die Verantwortung für eine sexuelle Handlung liegt bei der Person, die sie ausführt. Die Grenzen und der Wille des anderen Menschen müssen respektiert werden.
Wenn Sie jedoch bei sich selbst Gedanken oder Vorstellungen erkennen, bei denen die Zustimmung eines anderen Menschen keine Rolle mehr spielt, möchte ich Sie ebenso bitten, sich Hilfe zu holen, bevor solche Gedanken möglicherweise in Handlungen umgesetzt werden.


HILFE BEI GEWALT
Wenn Sie selbst von Gewalt betroffen sind oder sich um einen Menschen in Ihrem Umfeld sorgen, müssen Sie damit nicht allein bleiben.
Polizei: 133
Bei akuter Gefahr oder wenn eine Gewalttat gerade passiert.
Euronotruf: 112
Europäische Notrufnummer bei akuten Notfällen.
Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555
Kostenlos, anonym und vertraulich – rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr.
Gewaltschutzzentren Österreich: 0800 700 217
Kostenlose Unterstützung und Beratung für Menschen, die von Gewalt betroffen oder bedroht sind.
Männerberatung 24/7: 0800 400 777
Kostenlose, vertrauliche und anonyme Beratung für Burschen und Männer – rund um die Uhr.

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