Die Geschichte von Alexander. Seine Geschichte beginnt nicht im Gefängnis, sondern lange davor – in einer Kindheit, die von Unsicherheit, Verlust und fehlender Geborgenheit geprägt war. Die Haft war nur ein späterer Abschnitt eines viel längeren Weges. „Ich denke viel darüber nach und habe sehr viel erlebt“, sagt er.
Eine Kindheit ohne Halt
Früh wurde Alexander aus seinem familiären Umfeld herausgelöst und in Einrichtungen der Jugendhilfe untergebracht. Was eigentlich Schutz bedeuten sollte, wurde für ihn zur Belastung. Von Wärme oder Stabilität erzählt er nicht. Stattdessen bleiben Erinnerungen an Härte, Distanz und das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören. „Liebe kannte ich kaum.“
Bis heute beschäftigt ihn die Vorstellung, wie sein Leben verlaufen wäre, hätte er etwas anderes erfahren. „Ich hätte mir Eltern gewünscht, die mir Liebe statt Hiebe geben.“ Später verbrachte er große Teile seiner Jugend auf der Straße. Früh musste er lernen, alleine zu bestehen. Vertrauen wurde zu etwas Seltenem.
Ein Bruch, der alles veränderte
Ein tragischer Vorfall führte schließlich zu einer langjährigen Freiheitsstrafe und markierte einen tiefen Einschnitt in seinem Leben. Über die konkreten Umstände spricht Alexander nur zurückhaltend. Zu schwer wiegen die Erinnerungen, zu komplex ist das Geschehene. Besonders einschneidend war für ihn der Kontaktverlust zu seinem Kind – ein Bruch, der bis heute nachwirkt. „Das war eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens.“
Jahre in Stein
Fast elf Jahre verbrachte Alexander in einer österreichischen Justizanstalt. Seine ersten Stationen waren West 2, später West E. Dieser Bereich habe sich besonders tief eingeprägt. „West E war die Hölle.“ Damals lag dieser Abschnitt unter Straßenniveau und galt unter Insassen als besonders belastender Teil des Vollzugs. Der Alltag dort war geprägt von Enge, Kontrolle und Isolation. Nach Alexanders Erinnerungen wurden dort vor allem Gefangene untergebracht, die als sicherheitsrelevant oder schwierig galten oder mehrfach gegen Anstaltsregeln verstoßen hatten.

Zwei Personen teilten sich häufig eine Zelle von wenigen Quadratmetern – ein Zustand, der unter dem Begriff „doppelt Gesperrte“ bekannt war. „Man war nie allein, aber gleichzeitig vollkommen allein.“ Später folgte die Verlegung in die Vollzugsstufe Grad 1 – eine besonders restriktive Form des Strafvollzugs mit klar strukturiertem, streng kontrolliertem Alltag. „Irgendwann verschwimmt die Zeit komplett.“ Besonders hart sei für viele gewesen, keinen Besuch zu erhalten. Während Alexander selbst regelmäßigen Kontakt zur Familie hatte, beobachtete er andere, die über Jahre isoliert blieben. „Ohne Besuch bist du irgendwann vergessen.“
Eine Zelle, die in Erinnerung blieb
Unter den belastendsten Erfahrungen beschreibt Alexander einen Haftraum, der unter Gefangenen einen besonderen Ruf hatte. Dort, so seine Erinnerung, herrschten über längere Zeit ungewöhnlich hohe Temperaturen. Der Boden sei so stark aufgeheizt gewesen, dass Sitzen oder Liegen kaum möglich gewesen sei. „Es fühlte sich an wie eine permanente Hitze unter den Füßen.“ Beschwerden hätten zunächst keine sichtbaren Veränderungen bewirkt. Erst später sei reagiert worden. Wie genau die Bedingungen objektiv zu bewerten sind, lässt sich heute nicht mehr überprüfen. Für Alexander bleibt vor allem das Gefühl, nicht gehört worden zu sein. „Das Schlimmste war nicht die Hitze. Es war das Schweigen.“
Ein System aus Regeln und Macht
Im Verlauf seiner Haft lernte Alexander verschiedene Seiten des Vollzugs kennen. Beamte, Abläufe und Entscheidungen blieben ihm deutlich in Erinnerung. Besonders die Zeit rund um seine Entlassung empfindet er bis heute als ambivalent. Aus seiner Sicht seien nicht alle relevanten Informationen zu Ausgängen oder therapeutischen Maßnahmen vollständig berücksichtigt worden. „Ich musste selbst für meine Geschichte sprechen.“ Gleichzeitig differenziert er: Nicht alle im System hätten gleich gehandelt. „Es gab solche und solche.“ Für ihn zeigt sich darin ein grundsätzliches Problem: Die Machtverhältnisse im Vollzug seien für Insassen kaum nachvollziehbar oder beeinflussbar gewesen.
Schattenökonomie hinter Mauern
Ein weiterer Teil seines Rückblicks betrifft die informellen Strukturen innerhalb der Anstalt. Drogen, Tabak und verbotene Gegenstände hätten einen eigenen Markt geschaffen, der nach eigenen Regeln funktionierte. Alexander widerspricht dabei der häufigen Annahme, dass solche Dinge hauptsächlich über Häftlinge mit Ausgang eingeschleppt würden. „Viele wollten einfach nur früher raus und hätten dieses Risiko gar nicht getragen.“ Innerhalb dieser Strukturen seien einfache Waren zu Tauschmitteln geworden. Wer Zugriff hatte, konnte Vorteile erzielen – wer nicht, blieb außen vor. So entstand eine Parallelwelt mit eigenen Hierarchien und stillen Abhängigkeiten.
Die Entscheidung über Freiheit
Ein entscheidender Moment war für ihn die Anhörung zur vorzeitigen Entlassung. Er erinnert sich an eine Reihe von Entscheidungen, bei denen mehrere Mitgefangene zuvor abgelehnt wurden. Die Unsicherheit habe den Raum geprägt. Als er selbst an der Reihe war, schilderte er seinen Weg: Ausgänge, Therapien, Entwicklungsschritte. „Ich habe alles auf den Tisch gelegt.“ Wenig später kam die Entscheidung zugunsten einer Entlassung. „Und dann stand ich draußen – allein.“
Rückkehr ohne Sicherheit
Die Freiheit brachte keinen einfachen Neuanfang. Die ersten Monate waren geprägt von Orientierungslosigkeit. Alltag, Struktur und soziale Sicherheit mussten erst neu aufgebaut werden. Dennoch gelang ihm der Wiedereinstieg ins Arbeitsleben, und er blieb über längere Zeit beruflich stabil. „Draußen war nichts einfacher.“ Die Anforderungen der Freiheit empfand er zeitweise als größer als jene der Haft selbst.
Was bleibt
Heute lebt Alexander seit vielen Jahren in Freiheit. Doch die Vergangenheit ist nicht abgeschlossen. Er spricht von innerer Unruhe, erhöhter Wachsamkeit und Momenten, in denen die Vergangenheit wieder spürbar wird. „Ich schaue mich noch immer um.“ Gleichzeitig ist er einer der wenigen ehemaligen Langzeitgefangenen, die nicht rückfällig wurden. Darauf blickt er mit stiller Genugtuung.
Der Preis der Freiheit
Doch dieser Weg hatte seinen Preis. Freundschaften zerbrachen, Beziehungen hielten nicht stand, Vertrauen musste neu gelernt werden. „Der Preis ist oft Einsamkeit.“ Trotz allem blieb er stabil, arbeitete, strukturierte sein Leben neu und fand einen Weg zurück in einen Alltag außerhalb der Mauern. Heute beschreibt er sein Leben als ruhig – nicht frei von Vergangenheit, aber tragfähig.
Der Blick nach vorne
Am Ende richtet Alexander den Blick über seine eigene Geschichte hinaus. Aus seiner Sicht beginnt gesellschaftliche Verantwortung nicht erst im Strafvollzug, sondern danach. Er plädiert für mehr Vertrauen gegenüber ehemaligen Inhaftierten, für Anerkennung von Veränderung und für einen weniger stigmatisierenden Umgang. „Man sollte Menschen wieder als Menschen behandeln. Und auch sehen, wenn sie etwas richtig machen.“ Er ist überzeugt, dass ein respektvoller Umgang langfristig positive Effekte haben könnte – möglicherweise auch auf Rückfallquoten. Diese Einschätzung versteht er jedoch als persönliche Erfahrung, nicht als statistisch belegte Aussage. Seine Geschichte erzählt von einem Leben zwischen Bruch und Neubeginn, zwischen Isolation und Anpassung, zwischen Schuld und Überleben. Sie bleibt ein Beispiel dafür, wie eng Brüche im Leben und Neubeginn beieinanderliegen können – und wie lange die Vergangenheit nachwirkt, selbst wenn die Freiheit längst begonnen hat. Am Ende bleibt nur ein Satz: „Ich habe überlebt.“
Anmerkung der Redakteurin: Die Darstellung beruht auf den persönlichen Erinnerungen und Wahrnehmungen der interviewten Person. Einzelne Inhalte konnten nicht unabhängig überprüft werden. Foto der Zelle: Alexander; Foto der JA Stein: M&R

Ein herzliches Dankeschön an Monika Pichler für diesen Beitrag.
Beim Lesen der Geschichte von Alexander habe ich gemerkt, wie sehr mich dieses Thema beschäftigt.
Nicht, weil ich selbst in Haft war, sondern weil der Vater meiner drei Kinder eine Haftstrafe verbüßt. Dadurch habe ich eine Seite des Strafvollzugs kennengelernt, die viele nicht sehen.
Es geht nicht darum, eine Tat zu entschuldigen. Jeder muss für sein Handeln einstehen. Mich beschäftigt die Frage, was während dieser Zeit passiert.
Eine Haftstrafe bedeutet den Entzug der Freiheit. Strafe ja – Entwürdigung nein.
Wenn ein Rechtsstaat jemanden verurteilt und ihm die Freiheit nimmt, trägt er auch Verantwortung. Wegsperren allein verändert nichts.
Ich spreche von Menschen, hinter denen immer eine Lebensgeschichte steht.
Was in vielen Berichten kaum vorkommt, sind die Angehörigen. Sie halten Kontakt, geben Halt und tragen oft mit, was während dieser Zeit fehlt.
Die Geschichte von Alexander zeigt, dass sein Leben nicht erst mit der Straftat begonnen hat. Es gab eine Vorgeschichte, die ihn geprägt hat. Das entschuldigt keine Tat. Es zeigt nur, dass wir hinschauen müssen, wenn wir verstehen wollen.
Ich würde mir wünschen dass wir nicht nur fragen, warum jemand eine Straftat begeht, sondern auch, was wir als Gesellschaft daraus machen, wenn jemand nach der Haft wieder Teil unserer Gesellschaft wird.
Petra