Im Rahmen des Festivals “Sucht und Menschsein” sprach ich mit Micheal Stehlik (Mike aus Wien): Ehemann, Vater, Autor, Peer-Mitarbeiter, und Drogenerfahrener.
Mike beschreibt in seinem Erstlingswerk in 12 Kapiteln auf 22 Seiten seine Geschichte. Er wählte dafür den Titel “Vom Abgrund und zurück ins Leben”. Es handelt von einem Jungen, der nie Kind sein durfte, eines Jugendlichen, der zu früh zum Vater wurde, und eines Mannes, der sich aus den Krallen der Sucht ins Leben zurückkämpfte. Es ist seine schonungslose und ehrliche Geschichte, über Liebe, Schmerz, Scheitern und unermesslicher Stärke. Mike erzählt von seiner Kindheit, seiner Drogenabhängigkeit, dem Leben auf kalten nassen Beton und davon wie er mit seiner Jugendliebe und seinen Kindern Schritt für Schritt den Weg zurückfand, und heute anderen Menschen hilft. Und er hat ein weiteres Buch geschrieben, über das ich ebenfalls mit ihm spreche.

“Hinter jeder Sucht, hinter jeder Obdachlosigkeit steht eine Geschichte, niemand wird so geboren, aber wir können uns jeden Tag neu erfinden und eine neue Seite im Buch des Lebens aufschlagen” (Mike aus Wien).
Mike, du hast vor kurzem dein zweites Buch geschrieben mit dem Titel “Beton Herz – Geschichten aus Transtanubien wo Hoffnung und Härte zuhause sind” – Wie kam es dazu?
Also ich arbeite seit vier Jahren als Peer-Mitarbeiter in der Obdachlosenhilfe “Beton Herz” ist eigentlich ein Nachfolgewerk vom Buch “Vom Abgrund und zurück ins Leben”, weil mich meine Klienten angesprochen haben, sie wollen mehr ins Detail gehen. Also ein Klient fragt zum Beispiel – was ist Substitution. Das Thema habe ich da eigentlich fast gar nicht erwähnt, es gab noch andere Fragen, das waren so Punkte, wo die Leute einfach gesagt haben sie wollen mehr wissen, das ist zu wenig, das fährt zu schnell aus dem Hirn. Das war der Punkt, wo ich dann gesagt habe, gut dann setze ich mich hin, lege alles offen, wirklich alles. Das erste Buch hab ich eigentlich nur für Klienten geschrieben, dass ich mich nicht immer wiederholen muss, es ist sehr zach, wenn du zum Beispiel in der Gruppe arbeitest, das Thema schon besprochen ist und ein neuer kommt dazu, irgendwo nervt das, wenn deine Klienten Zeit verlieren deswegen. Darum habe ich das eigentlich gemacht, dass wird einfacher für die Leute, das Buch stell ich gratis zur Verfügung, wenn die Leute zu mir kommen, auch ihren Angehörigen stelle ich das gratis zu Verfügung. Angehörige schreiben mich an und ich schicke ihnen dann das Buch zu. Es kann aber gerne auch gekauft werden.
Du sprichst von deinen Klienten, welche Menschen sind das und was möchtest du mit deinem Projekt noch erreichen?
Ich arbeite mit Menschen, die meist durch ihre Substanzabhängigkeiten alles verloren haben, und Unterstützung und Halt in ihrem Leben suchen. Ich habe eine Ausbildung zum Peer gemacht, also ich bin ein professioneller Begleiter, ich helfe bei diversen Antragstellungen und anderen bürokratischen Hürden. Man darf nicht vergessen viele unserer Klienten haben keine ausreichende Schulbildung, oder andere Barrieren, die sie alleine nicht überwinden konnten. Die Abhängigkeit hat sie aus dem Leben gerissen, viele haben mit Ämtern sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Oft haben sie die Erfahrung sie werden im Kreis geschickt, aber niemand lässt ihnen die Zeit, um anzukommen. Ihr Vertrauen wurde oft missbraucht, sie haben keinen Anker. Meine Arbeit besteht darin, Ordnung und Halt herzustellen.
Warum gelingt es dir den Menschen besser zu helfen als zum Beispiel einer staatlichen Organisation?
Ich glaube es gelingt auch den Organisationen, doch ist es aber so dass du dort gewisse Vorgaben bereits erfüllt haben musst, um überhaupt betreut zu werden. Wenn du aber zum Beispiel schon länger auf der Straße gelebt hast, dann hast du nur noch deinen Namen, das was du an deinem Körper oder in deinem Rucksack hast, deine Geschichte hast du auch noch, doch die interessiert niemanden, in derartigen Institutionen. Das ist bei mir anders, alleine deshalb, weil ich auch eine Geschichte habe, meine eigene persönliche Drogen Geschichte, und die kann ich glaubwürdig meinen Klienten vermitteln, das schafft Vertrauen, und das ist der Schlüssel zur Seele und der Beginn einer gemeinsamen Reise in ein besseres Drogen freies, und selbstbestimmtes Leben.
Mike, du bist Vater von fünf Kinder, da ist es doch unmöglich ein Beton Herz zu haben – wie kam es zu diesem Titel?
In Beton Herz erzähle ich von einem Aufwachsen zwischen Betonblocks, Druck, und zu früher Verantwortung. Von einer Kindheit, die mich hart gemacht hat, und von Wegen, die oft in die falsche Richtung geführt haben. Ich hatte Wut und eine Leere in mir, ich versuchte in einer rauen Welt irgendwie zu bestehen. Ich bin sehr ehrlich mit meinen Kindern, ich rede viel mit ihnen auch über meine Vergangenheit, sie wissen, wie es mir gegangen ist, sie und meine Frau sind es die mich zu dem gemacht haben der ich heute bin, für sie habe ich mich entschieden mein Leben ohne Drogen weiterzuleben. Sie haben mein Beton Herz eröffnet.
Ich sehe einen fröhlichen, freundlichen Mann vor mir, du machst einen fiten und gesunden Eindruck – hat der Jahre lange Drogenkonsum keine Spuren hinterlassen?
Leider schon ich hatte vor kurzem erst eine schwere Darm Operation, ich habe Morbus Chrohn, das ist eine chronische Darmentzündung, die immer wieder Schmerzen verursacht. Ich bin in guter Behandlung, ich bin schon sportlich, ich gehe fast alles immer zu Fuß, Krafttraining kann ich im Moment nicht wirklich machen. Ich ernähre mich ausgewogen. Die Krankheit kam 20 Jahre nach dem Ende meines Konsums.
Wie hast du deine Sucht finanziert?
Als ich damals begann, gab es den Karlsplatz als Treffpunkt. Wir waren dort immer eine bunte Gruppe Jugendliche, die alles machten, um an Geld zu kommen. Schnorren war üblich und die Haupteinnahmequelle, es gab Prostitution, nicht nur Mädchen, auch ein 12-jähriger Junge ging dort mit Männern auf die Toilette, es interessierte niemand, die Polizei wusste davon, doch ehe die gekommen sind, war der Junge und sein Typ wieder weg. Viel später erst gab es zu Beginn einer Flächen Umgestaltung dann Sozialarbeit, es war aber sehr schwer echte Hilfe zu bekommen, immer mehr Leute kauften und verkauften dort ihre Drogen. Es war ein Platz mit sehr vielen Touristen, die gaben oft Geld, oder man hat sie bestohlen.
Hast du Gefängnis Erfahrung durch deinen Konsum?
Ja, ich war mehrmals in Untersuchungshaft, ich hatte aber immer milde Richter, sie haben meine Kindheitserfahrungen anerkannt und meine Sucht darauf zurückgeführt. Es ging nie um Gewalt immer um Beschaffungskriminalität, Diebstähle von Bohrmaschinen, oder Spiele aus dem Elektromarkt und so Sachen zum Schluss haben sie mich innerhalb von einem Jahr sechs Mal erwischt, fünf Jahre davor kein einziges mal. Ich habe eine gesamte Strafe von 24 Monate auf fünf Jahre Bewährung erhalten. Heute bin ich unbescholten.
Was ist dein wichtigstes Ziel, dass du mit deinem Buch erreichen möchtest?
Ich möchte Präventionsarbeit leisten, ich möchte Kindern und Jugendlichen erzählen, und alle ihre Fragen ehrlich beantworten, ich will mit ihnen darüber reden, wie es ist mit Folgekrankheiten leben zu müssen, die wie in meinem Fall oft Jahre später erst kommen. Es geht nicht um einmal probieren, es ist der Folgekonsum, der das Leben zerstört. Ich habe bei meinen bisherigen Kontakten bemerkt, Kinder und Jugendliche sind sehr interessiert, wenn sie einen mit Erfahrung vor sich haben, der ehrlich ist und ihre Fragen beantwortet, und dann wieder geht. Sie können mir Fragen stellen, die sie sich bei ihren Eltern oder LehrerInnen nicht stellen trauen. Ich bin für sie glaubwürdig.
Würdest du diese tolle Arbeit auch im Gefängnis abhalten?
Ja sofort, es wäre sogar sehr wichtig, es ist nämlich so, viele Suchterkrankte kommen aus dem Gefängnis, sie hatten davor nie etwas mit Drogen zu tun, doch erst im Gefängnis kommen sie damit in Kontakt. Dasselbe gilt für die Grundwehrdiener, es gibt dort oft mehr Drogen als man sich vorstellen möchte. Hier würde ich auch gerne Präventionsarbeit leisten. Drogen sind heute überall.
Mike, gibt es etwas, dass du unseren LeserInnen noch sagen möchtest?
Ja gerne, Ich habe schwere Zeiten erlebt, ich bin gefallen, ich war traurig und kaputt, aber ich bin wieder aufgestanden. Nicht, weil ich so stark war, sondern weil ich nie ganz allein war. Wenn du mein Buch liest, dann mach eine Pause und spüre in dich hinein:
Du wirst gesehen, du wirst geliebt, du bist nicht allein, du bist nicht verloren, du bist wichtig.
Danke für das Interview!
