Als Martins Frau inhaftiert wird, ist ihr Sohn noch keine drei Jahre alt. Sieben Jahre lang bewältigt er den Alltag mit Kind, Beruf und Gefängnisbesuchen. Im Gespräch erzählt er von Überforderung, Zusammenhalt und einer Rückkehr, die das Familienleben erneut auf den Kopf stellt.

Martin, wie alt war euer Sohn, als seine Mutter in Haft gekommen ist.

Er war noch nicht ganz drei Jahre alt und hatte noch Windeln.

Deine Frau wurde verhaftet, als sie in der Arbeit war. Also nicht zu Hause. Wie war das, als du davon erfahren hast?

Ich hab den Boden unter den Füßen verloren.
Das Gefühl war, ich spring aus dem Flugzeug und falle hinunter und hinunter und hinunter. Und ich bin nicht sicher, ob da ein Fallschirm ist, der mich auffängt.

Auf einmal musste ich zu meiner Vollzeit Beschäftigung und den Dingen, die ich in unserem gemeinsamen Leben übernommen hatte, auch ihren Part übernehmen.

Ich hab nicht wirklich kochen können.
Aber da war jetzt das Kind, das ein Essen gebraucht hat.
Ständig, … ununterbrochen … so jedenfalls hab ich das empfunden.
Und die ganzen anderen Dinge, wie abholen vom Kindergarten, Termine beim Kinderarzt.
Und wenn der Sohn krank war, hab ich mit der Arbeit herum jonglieren müssen.

Was hast du damals zu Beginn eurem Sohn gesagt, wie die Mama am Abend noch immer nicht nach Hause gekommen ist?

Ich hab ihm gleich gesagt, dass die Mama längere Zeit nicht kommt. Dass das vielleicht ganz schön lang dauert. Wir aber hoffentlich bald mit ihr telefonieren können. Und dass sie ganz sicher wieder kommt. Auch wenn wir noch nicht wissen, wann es sein wird.

Es hat tatsächlich lang gedauert, nämlich sieben Jahre. Hat euer Sohn gefragt, warum das so ist?

Nein. Und weil er nicht gefragt hat, hab ich ihm auch nichts gesagt.

Sie war ja zuerst in U-Haft. Da konnten wir nach einiger Zeit dann sogar auf Besuch gehen. So ein Glasscheiben Besuch. Das war für unseren Sohn sehr schwierig, weil er ja die Mama nur anschauen konnte, aber nicht berühren.
Als sie dann in Strafhaft war, hatten wir einmal in der Woche Tischbesuch.
Die Fahrt ins Frauengefängnis war ein riesiger Aufwand. Der Samstag war eigentlich gelaufen mit dem Besuch. Jeder Samstag. Viele Jahre lang. Also bis sie dann Ausgang hatte in der Vorbereitung auf die Entlassung.

Hat euer Sohn auch da nicht gefragt, warum sie da ist, wo sie ist?

Er hat nur gefragt, wie lang sie hier bleiben muss.
Wir haben ja nicht gewusst, ob sie Halbzeit oder Drittel bekommt.
Darum hab ich ihm gesagt, dass wir das nicht wissen, weil sie eine große Dummheit gemacht hat und noch nicht klar ist, wie lang sie hier sein muss.

Er ist jetzt 17. Und inzwischen kennt er die Geschichte.
Und vor kurzem hat er sich sehr intensiv damit befasst. Aber ich glaube, es ist für ihn wohl noch nicht beendet.
Wir gehen sehr offen damit um, wenn er etwas fragt. Aber er fragt eigentlich nicht.
Inzwischen holt er sich seine Informationen aus dem Internet, was auch nicht einfach ist, weil es halt schon sehr einseitig ist.

Wie hast du das alles bewältigt, so von Null auf Hundert?

Im ersten halben Jahr hatteich immer einen leichten Alkoholspiegel und hab zwei Packerl Zigaretten am Tag geraucht. Damit ist mir alles leichter gefallen. Vor allem die Dinge, die hasse. Wie zum Beispiel Amtswege. Die hat immer meine Frau gemacht.
Irgendwann habe ich das dann beendet, weil ich gemerkt hab, das kann nicht gut gehen. Ich hab zu rauchen aufgehört und den Alkohol weg gelassen.

Nach ca. dreieinhalb Jahren haben wir unseren Rhythmus gefunden.
Aber der war sehr fragil. Wenn das Kind krank war, zum Beispiel, war der Rhythmus schon gestört.

Immer wieder hab ich mir gedacht, wenn sie nicht bald entlassen wird, dreh ich durch.

Hattest du Unterstützung?

Mein Bruder hat mir sehr geholfen.
Wir sind gemeinsam auf Urlaub gefahren. Er hat Kinder im Alter von unserem Sohn.
Die Schwiegermutter ist eingesprungen, wenn der Bub krank war. Aber der Preis war hoch. Sie hat auf die Tochter geschimpft, sie mich beschimpft, weil die Wohnung nicht pico bello war …

Und meine Firma hat mich sehr unterstützt.
Der Chef und der Abteilungsleiter haben es gewusst. Und es gab nie Probleme, wenn der Kindergarten und später die Schule angerufen haben, dass ich den Sohn abholen soll, weil er Fieber hat. Da konnte ich immer weg.

Wer hat es noch gewusst?

Der Direktorin hab ich es bei der Anmeldung gesagt. Sonst hat es keiner gewusst in der Schule.

Was hat euer Sohn gesagt, wenn ihn jemand gefragt hat, wo die Mama ist? Das muss doch aufgefallen sein, dass sie nie mitgekommen ist zu Elternabenden etc.

Er hat sich da was zurecht gelegt.
Er hat immer dasselbe gesagt: „Sie ist momentan nicht da. Kommt wieder zurück. Später.“
Ich selber wurde nie gefragt, wieso ich alleinerziehend bin, oder wo meine Frau ist.

Wie haben die Leute reagiert, also eure Freunde und Bekannten.

Die meisten waren auf einmal weg. Einfach kein Kontakt mehr.

Wie war das, als sie wieder da war? Also zuerst waren da ja die Ausgänge.

Die Ausgänge waren zuerst nur kurz. Dann sind sie immer länger geworden. Auch über Nacht.
Und je länger sie waren, desto schwieriger ist es geworden.

Die Person, die nach Hause kommt, hat Vorstellungen und Erwartungen.
Und wir hatten unser Leben und unsere Routine.
Und das hat sehr oft nicht zusammengepasst.

Wie sie dann ganz entlassen wurde, hat das die Welt von unserem Sohn zum zweiten Mal völlig auf den Kopf gestellt.
Da waren jetzt nach sieben Jahren zwei Leute, die ihn erziehen wollten. Zwei Leute, die eine Meinung hatten. Zwei Leute, denen er es recht machen musste.

Es war eine sehr schwierige Zeit für uns alle.
Das hat Jahre gedauert.
Weil sie wollte dort anknüpfen, wo sie sozusagen ausgestiegen ist durch die Inhaftierung.
Aber das hat es ja nicht mehr gegeben.
Und niemand hat uns darauf vorbereitet, wie schwierig das sein wird.
Wie viel Kraft das kostet.
Und was es für unseren Sohn bedeutet.

Aber jetzt, mit seinen siebzehn Jahren, ist er ein wunderbarer junger Mann mit ganz viel Lebenserfahrung. Und er macht sich gut. Er ist sehr kontaktfreudig. Und sehr sozial. Er geht seinen Weg.

Du hast so vieles so richtig gemacht. Woher hattest du das?

Ich bin meinem Gefühl gefolgt. Das mache ich immer. Mein Bauchgefühl ist schon richtig.

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