Bericht über das Gespräch mit Nicole Dill, Überlebende eines Femizid-Versuches aus der Schweiz.
Diese Frage ist der Antrieb für Nicole Dill, die innerhalb von elf Stunden mehrere lebensgefährliche Attacken ihres damaligen Lebensgefährten überlebt hat.
Seit ihrer körperlichen Genesung, die laut Ärzten ein „Wunder“ ist und einer intensiven therapeutischen Arbeit, setzt sie sich für gefährdete Frauen ein. Und sie hat ein Buch geschrieben über das Versagen der Behörden.

Am 12. September las sie im Pen-Club in der Wiener Apollogasse aus ihrem Buch „Leben! Wie ich ermordet wurde“. Erschienen im Wörterseh Verlag.
Mit ihr im Gespräch als Moderatorin waren die Anwältin Katharina Braun und die ehemalige Abgeordnete der Liste Pilz, Maria Stern. Vor Jahren hatte sie selbst Gewalt durch ihren damaligen Partner erfahren. Seit damals setzt sie sich für die Rechte von Frauen und deren Schutz ein.
Nicole Dill ist Schweizerin. Sie lebte in Luzern als ihr Partner sie töten wollte. Dieser war unter Auflagen nach Jahren der Haft entlassen worden. Er hatte bereits eine Frau getötet. Auch als Kind und Jugendlicher war er gewalttätig geworden. Dies alles war den Behörden bekannt. Nicole Dill ahnte nichts davon als sie der charmante Vierziger in einem Lokal ansprach.
Die Beziehung entwickelte sich zunächst erfreulich. Doch je länger sie währte, desto deutlicher wurde, dass ihr Partner sie kontrollierte und nur für sich allein „haben“ wollte. Er engte sie ein. Zerstörte aus Wut ihr Auto, weil sie gegen seinen Willen sich mit einer Freundin traf.
Nicole Dill wendete sich an den Arzt des Mannes. Der berief sich auf seine Schweigepflicht. Verständigte jedoch die Polizei. Die gab ihr keine Auskunft über die Vergangenheit ihres damaligen Partners. Dazu noch den völlig kontraproduktiven Rat, sich langsam von ihm zu trennen.
Im Gespräch wurde deutlich, dass alle Experten zu einem schnellen Beendigen der Beziehung raten, wenn der Partner gewalttätig zu werden droht oder sonst wie Druck aufbaut. Auch sollte die Frau sich für diesen Schritt Begleitung suchen.
Genau diese Art von Begleitung bietet Nicole Dill nun mit ihrer Anlaufstelle „Sprungtuch“ von Gewalt betroffenen oder gefährdeten Frauen an.
18 Jahre kämpfte sie in der Schweiz darum, dass die dortigen Behörden ihr Versagen eingestehen. Von Instanz zu Instanz ging der Rechtsweg. Immer wurde sie abgewiesen. Zuletzt wandte sie sich mit Hilfe eines Anwalts an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR). Dieser gab ihr schließlich Recht und verurteilte die Schweiz. Dennoch ist ihr Verfahren bis zum heutigen Tag nicht abgeschlossen.
In der Diskussion, an der sich das Publikum rege und sachkundig beteiligte wurde deutlich, dass die Situation in Österreich durchaus ähnlich, wenn nicht sogar gleich zur Schweizer Situation ist. Der sogenannte Datenschutz macht es unmöglich, gefährdeten Frauen Informationen über die Vorgeschichte ihres Partners zukommen zu lassen.
Für mich überraschend war auch, dass der Spruch des EGMR nicht in Österreich „angekommen“ zu sein scheint. Das berichtet die Anwältin Katharina Braun, die sich bei Kollegen und Kolleginnen umgehört hat.

Maria Stern fordert eine internationale Datenbank, in der Gewalttäter registriert sind. Denn es kann ja sein, dass ein Mann, der in einem Land wegen Gewalt verurteilt wurde, nach seiner Entlassung sich in einem anderen Land niederlässt.
Nicole Dill betont gegen Ende der Veranstaltung, dass jede Geschichte, jede Frau, die Gewalt erleidet, anders ist. „Steckt nicht alle in einen Topf“, sagt sie.
Zum Schluss stellt sie den Anwesenden ihren Ehemann vor, der bis dahin unerkannt in der fünften Reihe sitzt. Mit ihm hat sie einen „schrecklich pubertären“ Sohn.
Das Buch von Nicole Dill ist nach dem EGMR-Urteil in 2. Auflage erschienen.
P.S. Aus meiner Sicht ist es dringend nötig, nicht nur die juristischen und finanziellen Gegebenheiten genau zu analysieren und entsprechend zu ändern. Ich denke, dass weder mit Geld noch mit juristischen Mitteln die Situation von gefährdeten Frauen entschärft werden kann.
Dazu braucht Aufmerksamkeit und eine völlig veränderte Sicht auf Frauen und Mädchen.
Der Verein „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ weist die erste Verantwortung für das gewaltfreie Miteinander dorthin, wo die Menschen leben und ihren täglichen Verrichtungen nachgehen. Niemand soll weghören oder wegschauen, wenn in der unmittelbaren Nachbarschaft Zeichen von Gewalt wahrnehmbar sind.
Hier können Sie die Buchpräsentation und Diskussion nachsehen:
https://www.youtube.com/live/jqL7qtLYMtM?si=YIwWUYs2H7d-Rx-a
