Jedes Elternteil kennt es. Man hilft morgens seinem Kind beim Ankleiden, überprüft, ob es sich die Zähne geputzt und die Jause in die Schultasche eingepackt hat, bevor man es schweren Herzens in die Schule bringt. Man hofft, dass es sich gut einfügt, Leistung erbringt und Freunde findet, während man selbst für etliche Stunden abwesend ist und  Lehrkräfte einem die Aufgabe abnehmen, für die Sicherheit seines Kindes zu sorgen. Was viele nicht wissen ist, dass Lehrkräfte ähnliche Ängste plagen. Es sind nicht bloß die Noten der Schulkinder, oder der Lärmpegel, der sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Diese Sorgen kennt eine Lehrerin, die seit zwei Jahren an einer Ganztagsvolksschule unterrichtet, sehr gut. Für diesen Artikel möchte sie anonym bleiben, daher nennen wir sie Emma.

Wir haben eine digitale Plattform, über die wir mit Eltern kommunizieren, mittlerweile ist das das digitale Mitteilungsheft und da ist mir schon aufgefallen, dass der Vater sich sehr lange nicht darauf angemeldet hat, sämtliche Informationen in den ersten Wochen verpasst hat und das Kind immer wieder Sachen nicht dabei hatte, Lernmaterialien nicht mitgebracht hat und natürlich, dass das Verhalten recht auffällig war, sehr temperamentvoll, sehr schnell sehr wütend geworden ist und viel Streit gesucht hat und gleichzeitig dann sehr liebevoll war. Also sehr sprunghaft war vom Verhalten her, was ein Kind das in einer gesunden, liebevollen Familie aufwächst, nicht unbedingt zeigt.“

Das theorielastige Studium hat Emma nicht auf den Umgang mit psychisch oder physisch belasteten Kindern aus problematischen Verhältnissen vorbereitet. Junge Lehrpersonen sind mehr oder weniger dazu gezwungen sich selbst heranzutasten und einen Lösungsweg auf eigener Faust zu finden, also hat sie die Lage einige Wochen beobachtet und versucht die Stiefmutter einzubeziehen. Der leibliche Vater meldete sich nach langer Abwesenheit, die er mit einer Dienstreise begründete, letztendlich auf der digitalen Plattform an und suchte ein Gespräch zu den Lehrkräften, in dem er schilderte, dass das Verhalten des Kindes daheim genauso auffällig sei. Er berichtete außerdem, die Mutter habe den Kontakt zu den Kindern abgebrochen und sich gewünscht sie dem Jugendamt zu überlassen. Das Jugendamt entschied daraufhin, dass die Kinder beim Vater besser aufgehoben seien, was sich später als Lüge entpuppten sollte.

Als ich gemerkt habe, dass sich das nicht bessert und das Verhalten immer schwieriger wird, teilweise mit Sachen geworfen wurden, andere Kinder angeschrien und ich die Sicherheit der anderen Kinder gefährdet gesehen habe, habe ich meine Direktion konsultiert, die viel Unterstützung bietet, mein Notfallkontakt war und das Kind immer wieder rausgeholt hat, damit der Unterricht für die anderen weitergehen und das Kind entsprechend beruhigt werden konnte.“

Zusätzlich zur Direktion wurde die Beratungslehrperson hinzugezogen. In einem Einzelgespräch mit dem Kind, wurden anschließend schwere Vorwürfe über die Situation zu Hause bekannt. Das Kind berichtete von sexualisierter Gewalt, Gewalt zwischen Geschwistern und davon, dass Kameras installiert worden seien, um die Kinder zu beobachten. Die beiden Geschwisterkinder wurden anschließend in die Obhut des Jugendamts übergeben und dem Vater jeglicher Kontakt entzogen. Das Krisenzentrum wurde informiert und nahm die beiden für eine gewisse Zeit auf.

Am Tag danach ist der leibliche Vater sehr wutentbrannt in die Schule gekommen. Ich bin froh, dass er nicht bei mir war, sondern in der Direktion. Dort hat er sehr viel Radau gemacht und wurde der Schule verwiesen. Als ich dann gehört habe, dass der Vater sehr aufbrausend geworden ist, fast schon aggressiv, da kam mir schon ein bisschen die Sorge und die Angst. Ich habe darauf geschaut, dass meine persönlichen Daten anonym sind, dass meine Adresse nicht im Telefonbuch, oder meine Nummer nicht online aufscheint und habe meinen Telefonanbieter gebeten alles rauszulöschen, um mich selbst zu schützen. Anfänglich hatte ich keine Sorge, weil mir das Wohl des Kindes wichtiger war, doch als ich dann gemerkt habe, dass der Vater ein sehr großer, kräftiger Mann war und auch anders werden kann, ist mir mulmig geworden.

Das Kind selbst berichtete den Klassenkameraden fröhlich von dem neuen Wohnort im Krisenzentrum. Die Begeisterung und Erleichterung die es dabei empfand, ließen Emma erahnen, wie belastend die Situation zu Hause gewesen sein musste.

Das Jugendamt reagierte rasch, als die Meldung von der Schule abgegeben wurde. Es kümmerte sich um Kleidung, Hygieneartikel und Lernmaterialien der Kinder sowie um die Abholung von der Schule. Lehrkräfte erhielten eine Liste mit Personen, die das Kind abholen durften, sowie die Erlaubnis die entsprechenden Ausweise einzufordern. Doch nach der anfänglichen Kooperation, änderte sich die Situation. Den Lehrkräften wurden zunehmend Informationen vorenthalten. Sie wussten nicht, wie lange das Kind im Krisenzentrum bleiben würde, ob es in eine Wohngemeinschaft kommen sollte oder Kontakt zu dem Geschwisterkind haben durfte. Dies erschwerte ihnen ihre Arbeit enorm. Gleichzeitig verschlechterte sich das Verhalten des Kindes zunehmend. Jegliche Form von Konfrontation scheiterte. Das Kind verweigerte Anweisungen, wurde immer sprunghafter und aggressiver, brüllte wie am Spieß.

Das Kind ist heute im Gegensatz zum älteren Geschwisterkind nicht mehr an der Schule, sie wurden getrennt. Laut der Beratungslehrperson durften sie lange keinen telefonischen Kontakt pflegen, mittlerweile ist er ihnen wieder gestattet. Seitdem hat Emma nie wieder etwas von dem Kind gehört. Nach dem Krisenzentrum sorgte ein spezialisiertes Verein für die regelmäßige Therapie des Kindes, damit es die von sexualisierter Gewalt verursachten Traumata bearbeiten konnte.

Laut Emma gäbe es in solchen Fällen viel Unterstützung, doch die Wartezeiten und Kosten seien das Problem. Gerade vom Staat geförderte Vereine seien aufgrund der ewig langen Wartezeiten schwer zugänglich. Außerdem wüssten aufgrund der sprachlichen Barriere auch viele nicht wie sie diese erreichen könnten.

Ist das System unter solchen Bedingungen überhaupt in der Lage, Kinder ausreichend zu schützen –  oder verliert sich der Kinderschutz irgendwann zwischen Verfahren und langen Wartezeiten?

Es ist sehr viel Zettelwirtschaft und der Schutz ist so lala. Wir haben viele Kinder wegen der wir Gefährdungsmeldungen abschicken aus unterschiedlichen Situationen. Oftmals geschieht einfach nichts. In dem konkreten Fall bei mir hat das Jugendamts tatsächlich sehr schnell reagiert, aber auch nur weil es eine langjährige Vorgeschichte gab.“ In vielen anderen Fällen die sie selbst miterlebte und von denen ihre KollegInnen berichteten, reagierte das Jugendamt nicht so schnell und Betroffene wurden verwahrlost ihren gewalttätigen Familien ohne Obdach, Kleidung, oder Essen überlassen. „Hätten wir mehr geschultes und qualifiziertes Personal, Krisenzentren, WGs, Sozialpädagogen an den Schulen, würden Kinder den Schutz viel schneller erfahren.

Verfügen Schulen über klare und geregelte Protokolle für solche Fälle? Das wird laut Emma von Schule zu Schule  individuell gehandhabt. „Im Gegensatz zu einem Brandbuch gibt es keine geregelten Schritte. Die Direktion dieses Standorts hat vorgegeben bei Problemen eine Beratungslehrperson anzufordern, ein Elternteil und die Direktion mit einzubinden. Wenn das alles fehlschlägt, das Schulkooperationsteam der MA11 zu konsultieren, oder eine direkte Gefährdungsmeldung.

Doch welche Unterstützung hätten sich Lehrkräfte in dieser Situation zur Verfügung gewünscht?

Emma hätte sich Unterstützung gewünscht, die schnell da wäre, beispielsweise ein Kriseninterventionsteam, das zu jeder Zeit verfügbar ist und schnell herkommen kann, um betroffene Kinder aus solchen Situationen rauszuholen. Gemeinsam mit ihren TeamkollegInnen und der Lehrperson des älteren Geschwisterkindes führt Emma eine Supervison durch, um die Ereignisse und die damit verbundenen Emotionen aufzuarbeiten. Eine professionelle Unterstützung für die betroffenen Lehrkräfte habe es darüber hinaus nicht gegeben. „Wir Lehrpersonen werden vergessen, habe ich das Gefühl.

Ist es möglich, dass manche Meldungen sogar ignoriert werden?

Ja. Ganz sicher sogar.“, sagt Emma. Sie kann sich vorstellen, dass das Jugendamt gezwungen ist nach Schweregrad auszusortieren. Beispielsweise, dass ein sexuell missbrauchtes Kind gegenüber einem unterernährten Kind Vorrang hat.

Was müsste geändert werden, um Kindern besseren Schutz zu bieten?

Viele Eltern benötigen professionelle Unterstützung bei der Erziehung. Bestenfalls erhalten sie diese bereits vor Schuleintritt und lernen, was ihr Kind für einen erfolgreichen Schulalltag braucht, welche Verantwortung bei ihnen liegt und wie sie ihr Kind dabei unterstützen können. Wichtig sind vor allem leicht zugängliche Anlaufstellen in verschiedenen Sprachen, die Eltern über Erziehungshilfe, Verhaltensauffälligkeiten und therapeutische Angebote informieren. So können laut Emma viele Probleme verhindert werden.

Doch was bedeutet es für diejenigen, die regelmäßig mit solchen Fällen konfrontiert sind? Für Emma blieb die Geschichte nicht folgenlos.

Sehr tatsächlich. Ich habe sehr viel dazugelernt. Was ich tun kann, damit es mich nicht so sehr mitnimmt. Die professionelle Distanz ist als Lehrperson unglaublich wichtig. Vor allem im Volksschulalter lieben die Kinder einen wirklich und man liebt sie auch irgendwo. Zu sehen, dass sie misshandelt werden, nimmt einen als Pädagogen natürlich wahnsinnig mit. Gleichzeitig muss man diese Distanz bewahren. Ich bin die Lehrperson dieses Schulkindes und habe alles getan was in meiner Macht stand. Irgendwann muss man mental abschalten und sich nicht Vorwürfe machen noch mehr getan haben zu können und sich zu fragen was wäre wenn? Ich habe viel über das System gelernt, die Transparenz die es leider nicht gibt und dass man das akzeptieren muss. Ich habe gelernt, wie ich mich als Lehrperson schützen kann, um nicht unterzugehen und für andere Kinder weiterhin da zu sein sowie für mich und meinen Partner.

Die Erfahrung hat Emma geprägt. Heute würde sie in einer vergleichbaren Situation anders agieren. Sie würde beim Krisenzentrum nachfragen und sich erkundigen warum wichtige Informationen vorenthalten werden, anstatt sich einfach mit der Begründung des Datenschutzes abzufinden.

Lehrkräften die helfen wollen, sich allerdings davor fürchten einen solchen Fall zu melden, rät Emma sich anhand einer Rechtschutzversicherung rechtlich zu schützen, einer Gewerkschaft beizutreten, in den sozialen Medien möglichst wenig präsent zu sein und seine persönlichen Daten gut zu schützen.

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