15 Femizide allein heuer, Dutzende Fälle schwerer Gewalt – und mitten in Wien Männer auf allen vieren. Der „Walk of Shame“ will provozieren und stellt eine Frage, der sich auch jene Männer stellen müssen, die selbst niemals zugeschlagen haben: Reicht es wirklich, kein Täter zu sein?

Es ist ein Bild, bei dem Menschen stehen bleiben. Mitten auf der Wiener Kärntner Straße bewegen sich Männer langsam und tief gebückt vorwärts. Manche stützen ihre Hände auf dem Boden ab, andere folgen ihnen aufrecht und tragen Schilder. „Nie wieder Femizid!“ steht darauf. Touristen drehen sich um, Passantinnen und Passanten bleiben stehen, Handys werden gezückt. Eine der bekanntesten Einkaufsstraßen Österreichs wird für einige Minuten zur Bühne einer ungewöhnlichen politischen Performance. Am Freitag, dem 7. August 2026, hat der Verein StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt Männer in die Wiener Innenstadt gerufen. Der Titel der Aktion ist bewusst provokant: „Walk of Shame“ – der Gang der Schande.

Die Botschaft dahinter lautet nicht, dass Männer sich allein aufgrund ihres Geschlechts schuldig fühlen sollen. Sie richtet sich gegen das Schweigen, gegen das Wegsehen und gegen jene gesellschaftlichen Mechanismen, in denen Gewalt gegen Frauen erst dann zum öffentlichen Thema wird, wenn wieder eine Frau tot ist. Der Theatermacher Stefan Ebner hat dafür eine drastische körperliche Sprache gewählt. Männer gehen gebückt, teilweise beinahe auf allen vieren. Ebner beschreibt die Haltung als einen Gang „mit eingezogenem Schwanz“. Die Scham, die Opfer sexualisierter und häuslicher Gewalt viel zu häufig begleitet, soll symbolisch die Seite wechseln. „Immer wenn wir nichts tun, unterstützen wir auch automatisch dieses System, von dem wir als Männer profitieren“, erklärte Ebner bei der Aktion.

Nicht die Frau soll sich schämen

Die zentrale Idee des „Walk of Shame“ greift einen Satz auf, der inzwischen weit über Frankreich hinaus zum Symbol im Kampf gegen sexualisierte Gewalt geworden ist: Die Scham muss die Seite wechseln. Gisèle Pelicot hatte diese Haltung im französischen Strafverfahren gegen ihren damaligen Ehemann und zahlreiche weitere Männer öffentlich gemacht. Ihr Mann hatte sie über Jahre hinweg betäubt und anderen Männern zur Vergewaltigung überlassen. Pelicot entschied sich gegen einen Prozess hinter verschlossenen Türen. Nicht sie als Opfer sollte sich verstecken, sondern jene Männer, die ihr die Gewalt angetan hatten.

Genau diesen Gedanken übersetzte die Wiener Aktion in eine körperliche Inszenierung. Dass diese Performance irritiert, ist kein Nebeneffekt, sondern ihre Absicht. Gewalt gegen Frauen verschwindet im Alltag häufig hinter Wohnungstüren. Sie findet dort statt, wo die Öffentlichkeit nicht hinsieht: in Partnerschaften, Familien, Schlafzimmern, Chats, Freundeskreisen und Abhängigkeitsverhältnissen. Der „Walk of Shame“ kehrt dieses Prinzip um. Er bringt das Thema dorthin, wo niemand wegsehen kann.

15 Femizide und 45 Fälle schwerer Gewalt

Hinter der symbolischen Aktion stehen Zahlen, die kaum Symbolik benötigen. Der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser dokumentierte mit Stand 14. Juli 2026 bereits 15 Femizide und 45 Fälle schwerer Gewalt gegen Frauen in Österreich. Das bedeutet rechnerisch: In Österreich wurde 2026 bis zu diesem Zeitpunkt durchschnittlich etwa alle zwei Wochen eine Frau im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischer Gewalt getötet. Dabei sind Femizide nur die äußerste Eskalationsstufe.

Wie groß das Problem tatsächlich ist, zeigt eine umfassende Erhebung von Statistik Austria. Demnach haben 34,51 Prozent der Frauen zwischen 18 und 74 Jahren in Österreich seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. Das entspricht mehr als 1,1 Millionen Frauen. Mehr als 23 Prozent berichteten von körperlicher Gewalt, knapp 24 Prozent von sexueller Gewalt. Rund 16,4 Prozent der Frauen, die zumindest einmal in einer intimen Beziehung gelebt haben, haben körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch eine Partnerin oder einen Partner erfahren. Psychische Gewalt in intimen Beziehungen betrifft laut Statistik Austria sogar mehr als ein Drittel der Frauen. Auch Stalking ist keineswegs ein Randphänomen: Fast 22 Prozent der Frauen zwischen 18 und 74 Jahren haben entsprechende Erfahrungen gemacht. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz haben rund 27 Prozent der bereits erwerbstätigen Frauen erlebt. Hinter diesen Prozentzahlen stehen Lebensgeschichten. Und genau dort setzt StoP an.

Gewalt beginnt nicht mit dem ersten Schlag

StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt verfolgt einen Ansatz, der sich von vielen klassischen Gewaltschutzprojekten unterscheidet. StoP will nicht erst reagieren, wenn Gewalt bereits eskaliert ist. Das Projekt versucht, Nachbarschaften und das gesellschaftliche Umfeld einzubeziehen. Menschen sollen lernen, Anzeichen von Partnergewalt wahrzunehmen, Betroffene anzusprechen, Hilfe zu organisieren und nicht länger davon auszugehen, dass Gewalt innerhalb einer Beziehung reine Privatsache sei.

StoP Gründerin Maria Rösslhumer

Das Konzept wurde von der Sozialarbeitswissenschaftlerin Sabine Stövesand entwickelt und zunächst in Hamburg umgesetzt. Maria Rösslhumer brachte den Ansatz nach Österreich; mittlerweile bestehen österreichweit 34 StoP-Standorte. Im Juli 2026 wurde bekanntgegeben, dass die österreichweite Weiterführung des Projekts bis Ende Mai 2028 abgesichert wurde. Ein Schwerpunkt der Arbeit richtet sich zunehmend an Männer. Denn Gewaltprävention kann nicht ausschließlich Aufgabe von Frauen sein. Genau diese Verschiebung war das eigentliche Thema der Wiener Demonstration.

„Männer, die nichts tun, sind Teil des Problems“

StoP-Vorsitzende Maria Rösslhumer formuliert die Botschaft bewusst unbequem. Es gehe nicht darum, jeden Mann zum Täter zu erklären. Sehr wohl gehe es aber darum, Männer mit ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu konfrontieren. Wer schweigt, wegschaut oder sexistische Sprüche und Witze widerspruchslos hinnimmt, trägt dazu bei, jene Strukturen aufrechtzuerhalten, in denen Gewalt möglich wird. Die Verantwortung von Männern sei deshalb keine freiwillige Zusatzleistung.

Das ist eine weitreichende These. Sie verlagert die Diskussion weg vom einzelnen Gewalttäter hin zum sozialen Umfeld. Was passiert in einer Männergruppe, wenn einer permanent abwertend über seine Partnerin spricht? Was passiert, wenn ein Freund kontrolliert, mit wem seine Freundin Kontakt hat? Wenn Eifersucht als Liebesbeweis romantisiert wird, sexualisierte Witze über Frauen zur normalen Unterhaltung gehören oder ein Mann erzählt, dass er seiner Partnerin „zeigen müsse, wer das Sagen hat“? Wann widerspricht jemand, und wann wird geschwiegen? Für StoP beginnt Gewaltprävention genau an dieser Stelle.

Der 100. Mann

Nach der Performance auf der Kärntner Straße folgte eine Pressekonferenz. Dort bekam eine im vergangenen Jahr gestartete StoP-Kampagne symbolischen Zuwachs. Der ehemalige Sozial- und Gesundheitsminister Johannes Rauch trat offiziell als 100. Unterstützer der Männerkampagne bei. Rauch spricht von einer „kollektiven Verantwortung von uns Männern“. Bereits vor der Demonstration hatte er betont, Gewalt von Männern gegen Frauen dürfe gesellschaftlich nicht länger hingenommen werden.

Bei der Pressekonferenz verlangte der frühere Minister eine strukturelle gesetzliche Verankerung der Gewaltprävention und einen nationalen Aktionsplan, der auch finanziell entsprechend ausgestattet sei. An diesem Punkt lohnt allerdings ein genauer Blick. Denn einen Nationalen Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen für die Jahre 2025 bis 2029 gibt es inzwischen bereits. Die Bundesregierung beschloss diesen im November 2025. Er basiert unter anderem auf der Istanbul-Konvention, der EU-Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt sowie den Empfehlungen des Europarats-Expertengremiums GREVIO. Rauchs Forderung ist daher weniger als Ruf nach einem völlig neuen Aktionsplan zu verstehen als als Forderung, Gewaltprävention dauerhaft gesetzlich, strukturell und finanziell abzusichern. Denn ein politisches Papier allein verhindert noch keine Gewalt. Entscheidend ist, was davon tatsächlich umgesetzt wird.

Ex-Sozial- und Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne)

Österreich hat sich längst verpflichtet

Gewaltschutz ist keine freiwillige sozialpolitische Leistung. Österreich gehört zu den Staaten, die die Istanbul-Konvention des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt ratifiziert haben. Die Konvention verpflichtet die Vertragsstaaten unter anderem zu Prävention, Opferschutz, Strafverfolgung und koordinierten politischen Maßnahmen. Die Umsetzung wird durch das unabhängige Expertengremium GREVIO überwacht.

Damit wird deutlich: Gewalt gegen Frauen ist nicht lediglich ein gesellschaftliches oder kriminalpolitisches Problem. Sie ist eine Menschenrechtsfrage. Der Anspruch einer Frau, ohne Gewalt leben zu können, ist keine Frage gesellschaftlicher Kulanz. Er betrifft elementare Rechte: körperliche Unversehrtheit, Freiheit, Sicherheit und Menschenwürde. Gerade deshalb genügt es nicht, erst nach einem Femizid Anteilnahme zu bekunden. Prävention muss vorher stattfinden.

Cornelius Obonya: Es beginnt bei unseren Söhnen

Zu den Unterstützern der Aktion gehörte auch Schauspieler Cornelius Obonya. Er lenkte die Diskussion auf einen Bereich, der in der Gewaltdebatte häufig zu wenig Beachtung bekommt: Erziehung und männliche Sozialisation. Entscheidend sei auch, wie Eltern ihre Söhne auf eine Gesellschaft vorbereiten, die nach wie vor von männlichen Strukturen geprägt sei. Gleichzeitig kritisierte Obonya, dass sich ausgerechnet aus der Kulturbranche zu wenige Männer öffentlich engagierten.

Schauspieler Cornelius Obonya

Damit kommt eine weitere Ebene hinzu. Gewaltprävention beginnt nicht beim Strafgesetzbuch. Sie beginnt lange davor. Bei der Vorstellung davon, was ein „richtiger Mann“ sein soll. Bei der Frage, ob Buben lernen, über Angst, Kränkung und Zurückweisung zu sprechen. Ob ein Nein akzeptiert werden muss. Ob Kontrolle mit Liebe verwechselt wird. Ob Eifersucht als romantisch gilt und Dominanz als männliche Stärke inszeniert wird. Niemand wird durch einen einzelnen sexistischen Witz zum Gewalttäter. Aber gesellschaftliche Vorstellungen darüber, wie Männer und Frauen miteinander umgehen dürfen, entstehen aus Tausenden solcher kleinen Botschaften. Genau dort versucht Prävention anzusetzen.

Eine Aktion, die auch provoziert

Der „Walk of Shame“ ist bewusst radikal in seiner Bildsprache. Und damit ist Kritik vorhersehbar. Müssen sich Männer öffentlich „schämen“, obwohl sie selbst niemals Gewalt ausgeübt haben? Ist die Aussage, Männer seien Teil eines Systems, nicht zu pauschal? Und erreicht man gerade jene Männer, die angesprochen werden sollen, wenn man sie mit Begriffen wie Schande und Mitverantwortung konfrontiert?

Diese Fragen sind legitim. Gewaltprävention darf nicht in eine pauschale Zuschreibung individueller Schuld umschlagen. Ein Mann, der niemals Gewalt ausgeübt hat, trägt selbstverständlich keine persönliche oder strafrechtliche Schuld für die Tat eines anderen Mannes. Doch genau diesen Unterschied betont StoP. Die Kampagne spricht nicht von Kollektivschuld. Sie spricht von gesellschaftlicher Verantwortung. Das ist etwas anderes. Die Frage lautet nicht: „Bist du schuld an einem Femizid?“ Sie lautet: Was tust du, wenn Gewalt, Kontrolle oder Frauenverachtung in deinem Umfeld sichtbar werden? Diese Frage kann niemand mit dem Hinweis beantworten, selbst noch nie eine Frau geschlagen zu haben.

Der wichtigste Moment kommt nach der Demonstration

Demonstrationen verändern keine Gesellschaft innerhalb einer Stunde. Auch tausende Männer mit Schildern werden Femizide nicht verhindern können. Der Wert einer solchen Aktion entscheidet sich deshalb nicht allein danach, wie viele Menschen daran teilnehmen. Er entscheidet sich daran, was danach passiert: ob Männer widersprechen, ob sie einen Freund ansprechen, ob Arbeitgeber sexistische Grenzüberschreitungen ernst nehmen, ob Schulen Rollenbilder hinterfragen, ob Politik Präventionsarbeit langfristig finanziert, ob Betroffene ernst genommen werden, bevor aus Drohungen Gewalt wird, und ob wir aufhören, bei jeder neuen Tötung so zu tun, als sei sie völlig unerwartet über uns hereingebrochen.

Denn schwere Partnergewalt entsteht häufig nicht aus dem Nichts. Kontrolle, psychische Gewalt, Drohungen und soziale Isolation können Teil einer Eskalation sein. Dass Gewalt in Partnerschaften vielfach wiederholt auftritt, zeigen auch die Daten von Statistik Austria: Mehr als 60 Prozent der Frauen, die in einer früheren Beziehung körperliche Gewalt erfahren hatten, berichteten von mehreren Vorfällen. Prävention bedeutet deshalb vor allem eines: früher hinzusehen.

Aufstehen, nachdem man gebückt gegangen ist

Am Ende des „Walk of Shame“ stehen die Männer wieder auf. Vielleicht liegt gerade darin das stärkste Bild dieser Aktion. Die gebückte Haltung ist nicht das Ziel, sie ist der Ausgangspunkt. Scham allein verhindert keine Gewalt. Schuldgefühle verhindern keine Gewalt. Auch öffentliche Bekenntnisse verhindern sie nicht. Entscheidend ist, was daraus folgt: aufstehen, widersprechen, hinschauen und Verantwortung übernehmen.

Die Männer auf der Kärntner Straße können die 15 Frauen, die nach der Zählung der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser 2026 bereits Opfer eines Femizids geworden sind, nicht zurückbringen. Sie können auch nicht garantieren, dass es kein sechzehntes Opfer geben wird. Aber sie können eine Frage sichtbar machen, die viel zu lange vor allem Frauen gestellt wurde: Was können Frauen tun, damit ihnen keine Gewalt widerfährt?

Vielleicht muss auch die Frage tatsächlich die Seite wechseln.
Nicht: Was hätte sie tun können? Sondern: Was tun wir Männer?

Und vielleicht beginnt Gewaltprävention genau dort?

Weblinks:
www.verein-stop-partnergewalt.at
Direkt zur Männerkampagne: verein-stop-partnergewalt.at/maenner
Fotos: Markus Drechsler

3 Replies to “Wenn Männer schweigen, zahlen Frauen den Preis”

  1. Ich kann nicht mitmachen da ich Sauerstoff Patient bin und 24 Std am Geräthänge hänge,aber ich werde so gut ich kann spenden
    LG ELLer Walter

  2. Vielen Dank für diesen tollen und sehr wichtigen Artikel.
    Gewalt an Frauen und Kindern ist leider auch im Jahre 2026 in Österreich sehr häufig und gefühlt auch noch ein Tabuthema. Es betrifft alle Gesellschaftsschichten und niemand ist davon gefeit. Selbst wenn Frauen sich und ihre Kinder schützen wollen und von der Partnergewalt fliehen, kommt die Opfer-Täter umkehr, samt instutioneller Gewalt. Dies ist dann oft sogar noch schlimmer und bestärkt die Täter noch. Opfer werden in keinster Weise geschützt!
    Aufgrund der räumlichen Trennung gibt es dann vielleicht weniger körperliche Gewalt, aber der Psychoterror geht weiter. Oft sogar so weit, dass die betroffenen Kinder umplatziert werden und beim Gewalttäter landen. Keiner schützt dann noch diese Kinderseelen, weit weg von der eigenen Mutter und Familie…
    Es muss endlich gehandelt werden, hier geht es um Menschenleben und Kinder sind doch unsere Zukunft!

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