Mittlerweile bin ich 57 Jahre alt, erinnere mich aber noch daran, als wäre es gestern gewesen, wie ich an der Wirtschaftsuniversität Wien studiert hatte und mir mit 23 Jahren nach einer Vorlesung im Kino den Film „Schweigen der Lämmer“ mit Anthony Hopkins in der Rolle des Kannibalen Dr. Hannibal Lecter, Jodie Foster als jung FBI-Agentin Clarice Starling und Scott Glenn als FBI-Direktor Jack Crawford angesehen habe. Der Film war nach dem Schwarzweiß-60er-Jahre-Klassiker „Psycho“ von Alfred Hitchcock der erste richtige Serienkiller-Thriller und für mich eine wahre Offenbarung.

Den Roman von Thomas Harris habe ich danach natürlich sofort gelesen und – als braves Club Donauland Mitglied – dann auch noch das schöne Hardcover „Roter Drache“ von Thomas Harris erworben und verschlungen.

Beide Romane und der Film haben eine wahre Flut an Serienkiller-Filmen und Büchern losgetreten, und ich erinnere mich an großartige Kinofilme wie „Identität“ mit John Cusack, „Sieben“ mit Brad Pitt, „Con Air“ mit Nicolas Cage, „Copykill“ mit Sigourney Weaver oder „Im Zeichen der Jungfrau“ mit Kevin Kline, die ich inzwischen alle mehrmals auch auf DVD gesehen habe.

Irgendwann Mitte der 90er-Jahre bin ich dann auch auf das Sachbuch „Die Seele des Mörders“ von John Douglas gestoßen, eben jenen Mann, der die Fallanalyse und Profilerstellung beim FBI ins Leben gerufen und sogar als Berater bei den Dreharbeiten von „Schweigen der Lämmer“ mitgewirkt hat.

Nach dieser Lektüre war es um mich geschehen. Das Thema übte eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Allein die Begriffe geistig abnorme Rechtsbrecher, forensischer Kripopsychologe, Profiler und Fallanalyse offenbarten mir eine neue mysteriöse und spannende Welt.

Um detaillierte Biografien tatsächlicher Serienmörder wie Ed Gein oder Ted Bundy machte ich allerdings einen großen Bogen, weil es mir den Magen umgedreht hätte, aber Sachbücher über Profilerstellung und fiktive Spielfilme oder TV-Serien konsumierte ich am laufenden Band.

Während dieser Zeit, konkret ab 1997, begann ich auch selbst zu schreiben – zunächst Kurzgeschichten, später Romane. Zuerst hobbymäßig, danach semi-professionell und ab 2014 dann hauptberuflich.

Andreas Gruber | Foto: Michael Adam

Wen wundert es bei dieser Vorgeschichte also, dass ich einen niederländischen Profiler namens Maarten S. Sneijder als meine Haupt-Serienfigur erfand, der beim deutschen Bundeskriminalamt arbeitet und Serienkiller jagt.

Dazu habe ich im Lauf der Jahre im Zuge vieler Recherchen Kontakte zu Strafverteidigern, Staatsanwälten, Gerichtsmedizinern, Chemikern, Ärzten, Polizisten und auch Ermittlern beim deutschen BKA aufbauen können. Sogar eine Führung durch das deutsche BKA in Wiesbaden, die Rechtsmedizin in Bern und die Justizanstalt Hirtenberg habe ich bekommen.

Im Lauf der Jahre habe ich in meinen Romanen alle Themen abgearbeitet, die mich interessiert haben: multiple Persönlichkeitsstörung, Schizophrenie, Paranoia, Kindesmissbrauch, Kannibalismus, Vergewaltigung, Nekrophilie, Kindheitstraumata oder Missbrauch in der Kirche. Tief habe ich dabei in die Seele von Serientätern geblickt. Nicht ausschließlich, weil ich spannende Romane schreiben wollte, sondern auch weil ich über die Dinge, die mich auf eine dunkle Art und Weise faszinierten, recherchieren wollte, um mir selbst zu erklären, wie es zu solchen Abscheulichkeiten kommen konnte.

Wie wird man zum Serientäter? Und warum gerade so und nicht anders? Schließlich musste es doch einen Grund geben, warum ein so blitzgescheiter und gebildeter Psychiater wie Dr. Hannibal Lecter Menschen tötet, um deren Niere zu einer guten Flasche Rotwein zu verspeisen.

Schließlich bin ich im Jahr 2025 bei den Recherchen zu meinem neuen aktuellen Roman angelangt, dem neunten Thriller meiner Maarten S. Sneijder-Reihe. Diesmal sollte es um sieben Ausbrüche aus den Hochsicherheitstrakten verschiedener Justizvollzugsanstalten in Deutschland, Österreich, Südtirol und der Schweiz gehen … denn Gefängnisausbrüche zählten ebenfalls zu meiner großen Faszination.

Dazu reichte es aber nicht, dass ich mir noch einmal Gefängnisfilme wie „Papillon“, „Die letzte Festung“, „Die Verurteilten“ oder alle vier Staffeln der TV-Serie „Prison Break“ ansah. Ich musste ein Hochsicherheitsgefängnis von innen sehen und mit Leuten vom Fach reden, um einen plausiblen und authentischen Plot zu entwickeln. Und deshalb besuchte ich das Forensisch-therapeutische Zentrum Göllersdorf.

Halten wir hier kurz inne …

Danke, dass Sie bis zu dieser Stelle drangeblieben und das alles gelesen haben, obwohl Sie sich vielleicht insgeheim gedacht haben, was für ein naiver Mensch dieser Autor doch ist, weil er geistig abnorme Serientäter und Gefängnisszenen cool findet. Und ich sage Ihnen etwas: Damit haben Sie vollkommen recht!

Absolute Naivität trifft es auf den Punkt.

Denn seit meinem Besuch in Göllersdorf änderten sich mein Leben und meine Sichtweise auf die Dinge um 180 Grad.

Forensisch-Therapeutisches-Zentrum Göllersdorf (NÖ) | Foto: M&R

Bis zu diesem Zeitpunkt bestand meine Arbeit als Autor nämlich nur aus Recherchen zu faszinierenden Themen. Ich fand es wirklich cool, spannende Geschichten darüber zu schreiben, weil ich es irgendwie geschafft hatte, aus meinen Interessen und meinem Hobby, dem Schreiben, einen Beruf zu machen, von dem ich leben konnte.

Doch als ich im Sommer 2025 zum ersten Mal eine Mutter begleitet hatte, die ihren seit drei Jahren inhaftierten Sohn im Maßnahmenvollzug besuchte, wurde mir klar, dass ich in keinem spannenden Roman, sondern in der kalten Realität angekommen war.

Zwei Mal fünfzig Minuten Besuchszeit im Besucherraum – und in dieser Zeit habe ich auch die anderen Insassen mit ihren Müttern beobachten können.

Die Gespräche in dieser Zeit waren intensiv. Ich plauderte mit dem etwa dreißigjährigen jungen Mann fast die ganze Zeit und er erzählte mir, was es bedeutete, im Maßnahmenvollzug zu sein. Und danach begann ich intensiv dieses Thema zu recherchieren, weil ich nicht glauben konnte, was ich gehört hatte.

Bis dahin dachte ich nämlich, dass jemand, der Drogendelikt, Diebstahl, Bankraub, Körperverletzung, Notwehr mit Todesfolge, Totschlag, Mord im Affekt oder vorsätzlichen Mord begangen hatte, seine ein bis zwanzig Jahre absaß und danach rauskam. Bei guter Führung sogar vorzeitig auf Bewährung.

Dass Maßnahmenvollzug allerdings bedeutete, dass man, wenn man eine psychische Störung diagnostiziert bekam, seine Haftstrafe absaß und danach noch die Maßnahme auszusitzen hatte mit unabsehbarem Ende, wusste ich nicht.

Woher auch?

Es gibt weder eine TV-Serie noch ein populärwissenschaftliches Sachbuch und kaum Dokumentationen darüber.

Mich schockierte vor allem die Tatsache, dass man nur einmal im Jahr die Möglichkeit hatte, bei einer Gerichtsanhörung das Gutachten einer Gerichtspsychiaterin vorzulegen, um aus dem Maßnahmenvollzug entlassen zu werden. Der Termin dauerte oft nur fünf Minuten, man durfte auf die Fragen nur mit ja oder nein antworten und hatte dabei keine Möglichkeit, zu dem psychiatrischen Gutachten Stellung zu nehmen, das jemand verfasst hatte, mit dem man nicht einmal auch nur eine Sekunde lang gesprochen hatte.

Oft geht es nicht anders. Die Psychiater sind überfordert. Das Personal der Justizwache ebenfalls. Darum ist auch der Fitnessraum der Justizanstalt nicht benutzbar, weil es kein Personal gibt, das die Zeit hat, die Insassen beim Training zu überwachen. Und weil es vor zwei Jahren mal ein Hochwasser gegeben hat, ist auch die Bibliothek seitdem unbenutzbar geworden.

Mit der Therapeutin oder der Gefängnisärztin darüber zu diskutieren, ob man die Dosis der Medikation vielleicht eine Spur senken könnte, weil man sich ständig völlig ermattet wie im Dämmerschlaf fühlt, dann aber vorgeworfen bekommt, dass man in der Therapie keine Fortschritte erzielt, ist auch keine gute Idee, weil man nichts anzweifeln, ansprechen oder diskutieren darf.

Foto: Lukas Beck

Vieles davon, was ich jetzt gerade beschrieben habe, ist vielleicht von den Insassen deutlich überzeichnet dargestellt worden. Vieles, was aber in Wahrheit vielleicht noch viel schlimmer ist, habe ich aber noch gar nicht erfahren. Die Wahrheit liegt vermutlich, wie so oft, irgendwo in der Mitte.

Fakt ist: Der Aufenthalt im Maßnahmenvollzug wirkt auf mich wie ein kafkaesker Albtraum, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Schlagartig kommen mir meine anfangs erwähnten Interessen, Ansichten und Intentionen, Spannungsromane zu schreiben, sehr oberflächlich vor. Ich geniere mich sogar für meine Blauäugigkeit, ein Thema cool zu finden, das in Wahrheit kafkaeske Ausmaße annehmen kann und leider oft aus lauter Ausweglosigkeit mit einer Plastiktüte über dem Kopf oder dem Hals in einem zerrissenen Handtuch an der Türklinke im Suizid endet.

Seitdem stelle ich mir oft die Frage, wie es wäre, wenn ich nach einer Verkettung unglücklicher Zufälle und dummer Missverständnisse – und dieser bedarf es gar nicht so vieler – auf Grund eines psychiatrischen Gutachtens für nur drei Monate Haftstrafe, aber mit einer anschließenden Maßnahme, in den Knast käme.

Die Chancen stünden gut, in fünf Jahren immer noch dort zu hocken und auf die Anhörung im nächsten Jahr zu warten, in der Hoffnung, an diesem Tag, in diesen für mich lebenswichtigen fünf Minuten, wegen der medikamentösen Behandlung, durch die ich mittlerweile medikamentenabhängig geworden wäre, nicht allzu zugedröhnt zu wirken, um die Fragen an mich mit einem klaren ja oder nein beantworten zu können.

Das Problem ist halt, dass ich – gerade, weil ich Autor bin und das Erfinden von Geschichten und Charakteren mein Job ist – mich ganz gut in Menschen und deren emotionale Welt hineinversetzen kann.

Darum kann ich mittlerweile nicht mehr, so wie früher, einfach nur die Leute betrachten, die ins Delikatessengeschäft einkaufen gehen, vor den Kinokassen oder in der Warteschlange vor einer Hochschaubahn stehen, bei einem Live-Konzert mitsingen, die fein in einem Restaurant speisen, ein Kabarett besuchen, in einer Disco tanzen, bei einer Maturafeier Karaoke singen oder ihren Urlaub in einem Club-Resort am Meer verbringen, die alle so glücklich und zufrieden aussehen, weil sie in einer freien Demokratie leben … ohne mir zu denken: Wisst ihr eigentlich, dass es eine Welt jenseits des Tellerrands gibt, von der ihr gar nicht wisst, dass sie existiert. Dass es eine dunkle Parallelwelt gibt, wo Menschen als Sechzehnjährige für ein paar Monate in den Maßnahmenvollzug kommen, weil sie eine Dummheit begangen haben, aber nach sechzehn Jahren immer noch dort untergebracht sind, obwohl sie im Grund genommen dort gar nicht mehr hingehören.

Menschen, die in ihrem Leben nie im Kino, nie in einem feinen Restaurant essen, einem Delikatessengeschäft einkaufen, auf einer Party feiern oder im Urlaub schwimmen waren, nie ein Live-Konzert besucht und nie einen Schulabschluss gemacht haben oder noch nie mit der Hochschaubahn gefahren sind, ein Mädchen geküsst oder ein gutes Buch gelesen haben. Weil du einmal eine Dummheit begangen hast und eine völlig überarbeitete Gerichtspsychiaterin unter Zeitdruck nur eine Stunde hatte, auf Grund einer Polizeiakte, ein Gutachten über dich zu erstellen, ohne dass sie ein intensives Gespräch mit dir geführt, dir in die Augen geschaut und dich gefragt hat, wie es dir geht.

Plötzlich lebe ich in einer Welt, in der mir bewusst wird, dass kaum jemand weiß, dass diese Dinge existieren.

Allerdings mir ist auch klar, dass es die wenigsten wirklich interessieren würde, weil sie sich lieber „Bares für Rares“ und „Gefragt – Gejagt“ im TV ansehen – wofür ich auch großes Verständnis habe, da ich das früher ja auch getan habe – bis sie plötzlich selbst auf Grund eines blöden Missverständnisses in eine dumme Situation schlittern, an den falschen Anwalt, die falsche Gutachterin und den falschen Richter geraten.

Dann ist „Bares für Rares“ und „Gefragt – Gejagt“ für mehrere Jahre in einem kleinen Fernsehraum der einzige Zeitvertreib, der einem bleibt, weil es weder einen geöffneten Fitnessraum noch eine intakte Bibliothek gibt.

Werden wir uns bewusst, dass es eine Welt jenseits der unsrigen gibt, in die man leider nur allzu rasch hineinschlittern kann, ohne Aussicht, so einfach wieder davon rauszukommen.

Diese Recherche hat mein Leben verändert. Ich sehe jetzt vieles anders, bin erwachsener geworden, ernster, nachdenklicher, aber auch trauriger.

Foto: Barbara Wirl

Über den Autor
Andreas Gruber
, geboren 1968 in Wien, studierte an der dortigen Wirtschaftsuniversität und lebt als freier Schriftsteller mit seiner Frau in Grillenberg, Niederösterreich. Er hat bereits mehrere erfolgreiche und preisgekrönte Erzählungen und Romane verfasst. Die aktuelle Reihe um den knallharten, aber brillanten Ermittler Maarten S. Sneijder schockiert und fasziniert seine Fans gleichermaßen. Nach „Todesfrist“ und „Todesurteil“ erscheint am 15. August 2016 „Todesmärchen“, der dritte Band der Reihe. Neben der „Todes-Reihe“ um Maarten S. Sneijder erscheint im Goldmann Verlag unter anderem auch die „Rache-Reihe“ um den asthmakranken Leipziger Ermittler Walter Pulaski.
„Schriftstellerei bedeutet für mich, dass ich interessante Figuren erfinden darf, ohne in der Psychiatrie zu landen – und Menschen auf originelle Weise ermorden kann, ohne im Gefängnis zu landen. Aber sonst bin ich ein netter Kerl“, so der Autor Andreas Gruber.
Andreas Gruber begann 1996 mit dem Schreiben und war 1999 mit einer Kurzgeschichte Preisträger des NÖ Donaufestivals. Mittlerweile sind seine Kurzgeschichten in über hundert Anthologien erschienen, liegen als Hörspiel vor oder wurden als Theaterstücke adaptiert. Seine Romane wurden bisher als Übersetzungen in Frankreich, Italien, der Türkei, Brasilien, Japan und Korea veröffentlicht. Der Autor wurde bereits für den Friedrich Glauser Krimi-Preis und zweimal für den Leo Perutz Krimi-Preis der Stadt Wien nominiert. Außerdem ist er Preisträger der Herzogenrather Handschelle und mehrfacher Gewinner des Vincent Preises und des Deutschen Phantastik Preises.
In seiner Freizeit gibt Andreas Gruber Schreibworkshops, ist begeisterter Kinogeher, reist viel mit seiner Frau, spielt leidenschaftlich gern Schlagzeug und wartet bis heute vergebens auf einen Anruf der Rolling Stones.

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