Vor einigen Jahren entdeckte ich die Organisation Obdachlosenhilfsaktion in Linz. Es war mir eine große Freude, dieser Organisation über meine Facebook-Seite „Wir aus Melk“ mediale Unterstützung zukommen zu lassen. Dadurch konnte ich zahlreiche Spenden wie Decken, Winterjacken, Konservendosen und andere Hilfsgüter an bedürftige Menschen weitergeben.

Auch in diesem Jahr findet erneut eine Aktion zur Unterstützung von Menschen statt, die ihr Zuhause verloren haben. Aus diesem Grund habe ich den Kontakt zum Gründer, Herrn Walter Kreische, gesucht. Er berichtete mir, dass er selbst einmal obdachlos war und sich bereit fühlt, meine Fragen zu diesem Thema zu beantworten. Ich bat ihn außerdem um einen Steckbrief – dies war mir besonders wichtig, da er zeigen soll, dass eine Person, die der Obdachlosigkeit entkommen ist, ein ganz normaler Mensch wie Sie und ich ist.

In Österreich sind laut aktuellen Daten der Statistik Austria im Jahr 2023 mindestens 20 573 Menschen offiziell als obdach- oder wohnungslos registriert worden, das entspricht einem Anstieg von etwa vier Prozent gegenüber 2022 (ca. 19 800 Personen).
Besonders auffällig: Mehr als die Hälfte dieser Betroffenen leben in der Hauptstadt Wien, rund 11 400 Personen.
Hinzu kommen erhebliche Hinweise darauf, dass die tatsächlich Betroffenen-Zahl deutlich höher liegt, da zahlreiche Fälle von „verdeckter Wohnungslosigkeit“, also Menschen ohne festen Wohnsitz, aber nicht in offiziellen Statistiken erfasst, existieren.
Was die Ursachen betrifft: Arbeitslosigkeit wird von rund 40 Prozent der Betroffenen als Auslöser genannt, Trennung oder Scheidung bei 29 Prozent, psychische Gesundheitsprobleme bei 25 Prozent.

Vor diesem Hintergrund wird im folgenden Interview mit Walter Kreische exemplarisch deutlich, welche Lebensrealitäten hinter den Zahlen stehen, und wie sich diese mit Blick auf Menschen- und Grundrechte beurteilen lassen. Es gibt leider viele Wege obdachlos zu werden.

Interview mit Walter Kreische

Lieber Walter, wie verlief dein Leben bis zu diesem schwierigen Lebensabschnitt?

Durchwachsen – Ich wuchs bei einer Pflegefamilie und im Heim auf, dann mit 18 Jahre dort entlassen mit 1250,- Schilling und nach 5 Tagen obdachlos.

Wie kam es dann dazu das du obdachlos geworden bist?

Ich hatte keine Arbeit und keine Wohnung und keinen Anspruch auf Sozialhilfe, Arbeitslosengeld etc., das Geld war nach 5 Tagen weg, weil ich mich in eine Pension einmietete, und somit war ich nach 5 Tagen auf der Straße.

Wie kannst du deine Zeit in dieser Phase beschreiben?

Sehr einsam, ohne Hilfe, teilweise verzweifelt und viele, viele Stunden lang weinend.

An was kannst du dich erinnern war das schlimmste an dieser Zeit?

Der Hunger, der eigene Gestank, weil ich mich nicht duschen konnte und die strafenden Blicke der Menschen, die mit dem Finger auf mich zeigten

Welche Hoffnungen hattest du?

Keine mehr!

Hattest du Hilfe aus dieser Obdachlosigkeit wieder herauszukommen oder musstest du dies ganz allein bewerkstelligen?

Ich bekam keine Hilfe. Nach fast 4 Wochen kam das Autodrom von Schausteller Ernst Gschwandtner nach Braunau und der hatte bei der Kassa einen Zettel: „Suche jungen Mann zum mitreisen“, dort heuerte ich an und hatte somit ein Bett im Wohnwagen und in der Woche 750,- Schilling Lohn für die harte Arbeit bei jedem Wetter, was auch damals nicht viel Geld war, aber ich war nicht mehr obdachlos

Obdachlos werden leider auch Menschen nach einer Haftstrafe. Hast du diesbezüglich Erfahrungen gesammelt bzw. mit Menschen Kontakt gehabt denen es nach einer Haft unmöglich war, Halt zu finden bzw.. welche eben wegen einer Haftstrafe keinen Wohnsitz bekamen?

Ja, in die Einrichtungen und zu unserem Verteil-Donnerstag kommen immer wieder frisch entlassen Häftlinge, die keinerlei Leistungen bekommen und es ist eine große Herausforderung, ohne Geld und ohne Krankenversicherung auf der Straße zu überleben, ohne wieder kriminell zu werden.

Obdachlosigkeit und Drogen- wie denkst du darüber?

Ob Alkohol oder Drogen, wenn der wahre Grund für die Obdachlosigkeit nicht gefunden und beseitigt wird, verstärkt sich die Sucht beim Leben auf der Straße. Sucht als Auslöser für Obdachlosigkeit rangiert erst an 4. Stelle mit 7%. Auslöser Nummer 1 für Obdachlosigkeit ist mit 39% Scheidung.

Welche Hürden musstest du auf dich nehmen um wieder ein Zuhause haben zu können?

Viele, und viele Kämpfe musste ich ausfechten gegen Menschen, die mir das nicht gönnten oder mir ein normales Leben streitig machen wollten.

Wenn du zurück blicken kannst, welche Erfahrungen kannst du mit uns teilen?

Armut und Obdachlosigkeit kann JEDE/N treffen. Wenn du auf einer Lebensampel falsch abbiegst und hinter dir bricht das soziale Netz, sprich Familie oder Freunde weg, bist du im freien Fall den niemand mehr stoppen kann. Darum, nicht hetzen und keine Schimpftiraden gegenüber Obdachlosen, vielleicht bist du ja schon bald an deren Seite.

Welche Erfahrung hat dich am Meisten beeinflusst?

Die Hetzerei gegen Obdachlose und Bedürftige, hier werden Dinge gesagt von Politikern oder etablierten Gesellschaftsteilen, die viel eher an absolut widerwertige als an elitäre Menschen erinnern. „Geh arbeiten, dann bist nicht auf der Straße“ – „Gsindl – geh arbeiten“ … so wird vom Volksmund öffentlich gegen Obdachlose und Bedürftige penetriert, ohne zu überlegen, wo denn leicht ein Arbeitgeber einen Obdachlosen ohne Hauptwohnsitz, überhaupt anmelden sollte? Aber Hauptsache man hetzt gedankenlos und dumm in der Gegend herum.

Wie verlief dein Neustart!?

Gut, weil ich anschließend an meine Obdachlosigkeit zum Bundesheer nach Mautern/Donau kam und dort Ordonanz war. Ich war in „Sicherheit“.

Wann kamst du auf die Idee den Verein zu gründen?

Mit 18 Jahren, in der Zeit meiner Obdachlosigkeit. Ich sagte immer, wenn ich später einmal Zeit habe, helfe ich armen und obdachlosen Menschen, und seit 2011 mache ich nun Obdachlosenhilfe, seit 2016 als Verein mit Spendenbegüstigung.

Was kannst du jungen Menschen auf den Weg mitgeben?

Glaubt an Euch, haltet euch an die Regeln die es im Leben gibt und überlegt gut, in welche Richtung ihr an den Lebensampeln abbiegt, schaut und lebt vorraus, achtet auf die Konsequenzen die mancher Weg mit sich bringt und lebt euer Leben.


Und nun möchte ich den Mann hinter dem Interview zeigen, ein Mensch wie wir, mit Gefühlen, Träumen, Hoffnung. Vielleicht sogar mit den gleichen Hobbies wie Sie?

Steckbrief
Name: Walter Gerhard Kreische
Alter: 62
Berufliche Tätigkeit: Pensionist
Lebensmotto: Reflektiere und Resümiere und dir bleiben viele Dinge erspart
Hobbys: Gedichte schreiben, Musikraritäten sammeln, Fotografieren, Gute Gespräche
Das kann ich gut: Keine Ahnung, das sollen andere analysieren
Dies macht mir Spaß: Roller fahren, Musik hören, mit Kimi spielen, Urlauben
In einer Partnerschaft ist mir wichtig: Treue, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, Respekt, Wertschätzung und eine Begegnung auf Augenhöhe sowie Kompromissfähigkeit


Dies möchte ich noch mitteilen: Unsere obdachlosen und bedürftigen Mitmenschen sind und bleiben unsere MITMENSCHEN, und sie sind KEIN Gsindl und keine Gestrauchelten, es sind MENSCHEN, die man auch so nennen MUSS, alles andere ist menschenverachtend. Niemand ist gerne auf der Straße und niemand lebt dort gerne einen Tag länger als unbedingt nötig, und diese Lügen und Phrasen der Politiker von wegen: „Die wollen ja keine Hilfe oder die wollen ja kein anderes Leben“ ist purer Bullshit, ALLE wollen Hilfe, aber eben keine 08/15 Hilfe aus dem System, sondern eine individuelle Hilfe, die angepasst ist. Du lässt dich sicher auch nicht in ein 6-Bett-Zimmer drängen, wo der eine schnarcht, der andere kotzt und der dritte stinkt, weil er es selbst gar nicht mehr riecht. Sie alle brauchen dringend Hilfe, aber nicht diese Hilfe die der Staat anbietet und an die sich alle zu halten haben. Hilfe muss mit den Menschen abgestimmt werden, Hilfe muss ehrlich sein und Hilfe muss kompromissbereit sein, im Sinne der Menschen.

12 Replies to “Vom Leben auf der Straße zur Hilfe für andere: Walter Kreische über Obdachlosigkeit und Würde”

  1. Du bist ein beeindruckendes Vorbild lieber Walter! Deine Geschichte zeigt soviel Stärke und Menschlichkeit. Hoffentlich erreicht dieser Artikel ganz viele Menschen, die daraus Mut und Hoffnung schöpfen 🙏❤️

  2. Walter! Du bist ein ganz besonderer Mensch mit einem großen Herz! ich bewundere deinen unermüdlichen Einsatz für alle Obdachlosen. Ich bewundere dich für die Kraft, die du täglich aufbringst, um für die Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft leben müssen, da zu sein.
    Es müsste mehr solche Menschen geben, die wie du sind.
    Menschen, die andere nicht vorverurteilen ohne sie zu kennen.
    Bitte schau auch auf DICH, du leistest so viel im Hintergrund, was kaum jemand bemerkt. DU bist auch wichtig und sollst gesund bleiben. DANKE, dass ich in diesem tollen Team helfen darf( auch wenn ich nicht immer dabei sein kann)
    Es ist mir eine große Freude und Ehre!

Schreibe einen Kommentar zu Susanne Pöcksteiner Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert