Keine Mauern, keine Zäune, nur gelbe Backsteingebäude zwischen Feldern und Meer: Die offene Justizanstalt Tygelsjö im Süden Schwedens wirkt auf den ersten Blick eher wie ein Bauernhof als ein Gefängnis. Und doch leben hier über hundert Männer, die sich Schritt für Schritt auf die Rückkehr in die Freiheit vorbereiten. Ihr Alltag ist geprägt von Regeln, Arbeit, Bildung und Therapie – und von der ständigen Präsenz der Freiheit, die zum Greifen nah scheint und doch unerreichbar bleibt.

Raschen Schrittes laufe ich die friedliche Landstraße entlang. Der kalte Wind trägt den Geruch des salzigen Meeres mit sich. Jeden Moment müsste es soweit sein, mein Ziel in Sichtweite kommen. Nach dem Überqueren eines Feldes, von dem mir die ArbeiterInnen neugierig nachschauen, sehe ich jedoch immer noch kein Gebäude, das meinen Vorstellungen einer Justizanstalt entspricht. Stattdessen nur eine Ansammlung großer, gelber Backsteingebäude ohne Zäune, umgeben von Feldern. Wie ich später erfahren werde ist dies lokalen Regelungen geschuldet, die genau vorgeben, wie gebaut werden darf. Kann dies wirklich die Öppen Anstalt Tygelsjö sein?

Hinter einer Schranke entdecke ich Menschen in Uniform, die eben eine Runde über das Gelände machen. Ich werde freundlich durch zwei Sicherheitstüren eingelassen und stehe etwas verloren im Eingangsbereich. Schon bald empfängt mich Håkan Tullberg, der Leiter der Anstalt. Um mich zu unterstützen hat man sogar einen deutschsprachigen Dolmetscher organisiert, der beim Presseteam der schwedischen Kriminalvård (Strafvollzug) tätig ist. Der Anstaltsleiter wirkt zuvorkommend. Ich setze mich, und nach und nach strömen mehrere Justizbedienstete herein, jeweils ExpertInnen für eine meiner vorher zugesandten Fragen. Für einen Moment fühle ich mich überwältigt von der Zahl der GesprächspartnerInnen und der Verantwortung, das Interview zu moderieren und gleichzeitig so viele Informationen wie möglich herauszuholen.

Die Anstalt Tygelsjö wurde 1984 eröffnet, zunächst für Männer und Frauen. Heute ist sie ein reines Männergefängnis mit 140 Insassen. Die Kapazität beträgt allerdings nur bis zu 104 Plätze. Eine langjährige Beamtin berichtet ohne Umschweife, dass sich die Bedingungen in den letzten Jahren verschlechtert haben. Früher sei ein Beamter für bis zu acht Insassen zuständig gewesen, inzwischen seien es bis zu dreizehn, das Personal könne sich schon nicht mehr ausreichend kümmern. Am selben Morgen habe ich noch über die Zustände in El Salvador gelesen, wo Institutionen bis zu 10.000 Menschen beherbergen. Umso deutlicher spüre ich jetzt hier den anderen humanen Ansatz zum Strafvollzug. Dennoch, so erklärt die Beamtin, würden auch in Tygelsjö zunehmende Aggressionen zwischen den Insassen und Unruhe in den Nächten die Arbeit erschweren. Besorgt weist sie auch auf das wachsende Problem der Bandenkriminalität hin für das im Justizvollzug holistische Ansätze zur Rehabilitation fehlen. Sie schließt mit einem Schmunzeln, dass sie sich nun ja beschweren dürfe, bald gehe sie in den wohlverdienten Ruhestand. Ihre KollegInnen nicken zustimmend.

Auf meine Nachfrage, welche Art von Insassen in Tygelsjö untergebracht sind, erfahre ich, dass rund 30 Prozent eine Strafe von weniger als drei Jahren verbüßen. Wer längere Strafen hat, bewegt sich Schritt für Schritt von Sicherheitsstufe 1 zu Stufe 3 wozu auch Tygelsjö zählt, je näher das Entlassungsdatum rückt. Voraussetzungen für den offenen Vollzug sind gutes Verhalten sowie ein Drogen- und Eignungstest. In Tygelsjö sitzen weder Sexual- noch innerfamiliäre Straftäter. Ausbrüche gibt es nur wenige, und wer es versucht, wird in der weiten, menschenleeren Landschaft schnell gesichtet, gefasst und in eine Anstalt höherer Sicherheitsstufe verlegt. 

Die offene Anstalt soll die Männer auf das Leben in Freiheit vorbereiten. Vor der Entlassung durchlaufen sie eine 30-tägige Untersuchung, um sicherzustellen, dass die Haft keine negativen Folgen hinterlassen hat. Während des offenen Vollzugs dürfen Insassen bereits kurze Urlaube nehmen. Diese sind aber streng reguliert, Insassen müssen einen genauen Tagesplan vorher einreichen und später Belege vorweisen, dass alles genau wie geplant ablief. Ist zum Beispiel eine Busfahrt geplant, bekommt der Insasse hierfür den genauen Betrag bar ausgezahlt, kurzfristige Änderungen wie zum Beispiel stattdessen eine Abholung durch Freunde sind nicht zulässig. Bei Ausflügen heißt es, dass die freie Zeit überwiegend im eigenen zuhause und nicht etwa im Stadtzentrum verbracht werden muss.

Nach der Freilassung begleitet das Arbeitsamt gemeinsam mit der Frivården (Bewährungshilfe) den Übergang. Übergangswohnheime bieten zusätzlich eine Zwischenstation, bis die ehemaligen Insassen wieder eigenständig leben können. Die MitarbeiterInnen arbeiten unter dem Motto lieber draußen als drinnen: Wird jemand erst einmal aus stabilen Lebensumständen herausgerissen, fällt die Wiedereingliederung ungleich schwerer. Die Frivården arbeitet mit kleinen, vorsichtigen Schritten in Richtung Freiheit. Wer in einem stabilen familiären Umfeld lebt, vor allem mit Kindern, hat bessere Chancen. Strafen in der offenen Anstalt dauern nie länger als ein Jahr, meist sechs Monate, danach folgt eine Phase der engmaschigen Kontrolle. Man spürt, dass den MitarbeiterInnen in Tygelsjö das Wohlergehen der Insassen nahe geht und dass sie als Team zusammenarbeiten.

„Lieber draußen als drinnen.“

Alle Insassen in Tygelsjö nehmen zudem an einer sechswöchigen kognitiven Verhaltenstherapie teil, in Gruppen, mit Hausaufgaben: Was hast du gedacht, gefühlt, getan? Es ist harte Arbeit, für beide Seiten, sowohl für die Therapeuten als auch für die Gefangenen. Einzelgespräche sind die Ausnahme für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen. Das Team scherzt, dass es die Methoden gerne auch aneinander ausprobiert. KollegInnen werden eingeladen, sich zu beteiligen. Viele sind überrascht, wie effizient die therapeutischen Methoden wirken. Jeder der Anwesenden hat seinen eigenen Tätigkeitsbereich, stetige Weiterbildung des Personals sichert die beste Versorgung der Klienten ab.

Während einer Führung durch das Gelände begegne ich den Insassen, sie wirken zurückhaltend. Mein Pressekontakt und der Anstaltsleiter stellen mich überall als Besucherin aus Österreich vor. Zur Mittagszeit führt man mich durch die Kantine. Der Tagesablauf in Tygelsjö ist streng strukturiert. Um sieben Uhr heißt es Aufstehen, ab halb acht geht es in die Beschäftigungsprogramme: Manche Insassen arbeiten im Garten, andere in der Holz- oder Metallwerkstatt.

Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung finden sich im ASV-Atelier ein: dort wird genäht, gebastelt oder an kleineren Kunstwerken gearbeitet. Danach zieht es viele in den Freizeitraum, wo Zeitungen ausliegen. Daneben gibt es die Wäscherei und die Küche, in der die Insassen selbst für das Essen sorgen. Ein Teil des Programms widmet sich auch beruflicher Qualifizierung, etwa durch Gartenarbeit oder eine Ausbildung zum Koch. Ziel ist es, dass jeder Insasse einer Beschäftigung nachgehen kann, wer unzufrieden ist, kann einen Wechsel beantragen.

Gegen 11:30 ist Mittagspause, bevor ab zwölf bis etwa 15 oder 16 Uhr erneut gearbeitet wird. Danach folgt eine Stunde Freizeit. Die Korridore bleiben dabei verschlossen, Bewegung ist klar geregelt. Im Schnitt arbeiten die Männer sechs bis sieben Stunden pro Tag, nicht unähnlich einem regulären Arbeitsalltag draußen. Auch die Mahlzeiten folgen einer klaren Ordnung: Es gibt drei Gruppen, die zu unterschiedlichen Zeiten zum Mittagessen gehen. Am Wochenende wird ebenfalls gearbeitet, doch die Insassen können dafür in Gruppen Urlaub beantragen. Am Wochenende gibt es dafür mehr Freizeitangebote: von sieben bis halb zwölf finden die regelmäßigen Kontrollen statt, danach bleibt Raum für Aktivitäten. Beliebt sind Volleyball und Fußball, mitunter nicht ungefährlich, weil es durchaus ehrgeizig und wettbewerbsorientiert zugeht. Am Sonntagabend steht traditionell Bingo auf dem Programm.

Ein kleiner Kiosk bietet zusätzliche Abwechslung: Die Insassen geben ihre Einkaufslisten ab, kaufen Zigaretten oder andere Kleinigkeiten. Der Platz für Begegnungen ist dabei begrenzt. Ergänzend erhalten die Männer Studienberatung; Unterricht in allen Schulfächern gehört verpflichtend zum Angebot. Wer Überstunden in der Schule macht, bekommt sogar eine kleine Bezahlung. Zu viel Bargeld soll allerdings nicht im Umlauf sein. Stattdessen wird mit einer Art Kiosk-Karte gearbeitet. Das System verlangt von den Insassen einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld, 10% des Geldes müssen angelegt werden, was ihnen von den Betreuenden als wichtiger Schritt Richtung Selbstständigkeit vermittelt wird. 

Statt hoher Zäune gibt es nur Schilder. Abweichungen vom streng vorgegebenen Tagesplan werden sofort geahndet. Mit einem gewissen Stolz zeigt man mir den Hühnerstall: Ein Insasse ist für die Tiere verantwortlich, alle anderen müssen Abstand halten.

Übersetzung: Anstaltsgelände – Zutritt verboten

Übersetzung: Grenze des Freizeitbereichs

Ist es womöglich schwieriger, die Freiheit in Sichtweite zu haben und den inneren Drang nach draußen zu kontrollieren, als physisch daran gehindert zu werden?

In der Gärtnerei erfahre ich, dass jede offene Anstalt in Schweden eine Spezialität hat, beispielsweise Holz- oder Metallwerkstätten. In Tygelsjö, der Gärtnerei, verarbeitet man Tulpen aus den Niederlanden für den Wiederverkauf und baut eigene Pflanzen an. Im kleinen Laden, der am Wochenende öffnet und viele StammkundInnen hat, werden Produkte aus verschiedenen Anstalten in Schweden verkauft. Zur Zeit meines Besuches wird viel Osterdekoration angeboten: bunt bemalte Häschen, Marienfiguren und Küken. Verschwörerisch drückt mir der Anstaltsleiter einen hölzernen Kochlöffel mit der Aufschrift Made in Jail (Hergestellt im Gefängnis) in die Hand, ein Geschenk.

Zum Abschluss zeigt uns der Anstaltsleiter das älteste Wohngebäude. Die Wände sind mit selbstgemalten Bildern geschmückt, ein Ausdruck künstlerischer Freiheit inmitten der Haft. Über dem Eingang hängen gehäkelte Mützen, um den Klienten zu demonstrieren, dass es höflich ist im Haus die Kopfbedeckung abzunehmen. Neugierig fragt mein Pressekontakt, ob sich Insassen freuen, hier untergebracht zu sein. Der Gefragte zuckt nur mit den Schultern. 

Die offene Anstalt Tygelsjö versteht sich als Brücke zwischen Haft und Leben draußen. Bildung, Arbeit, Therapie und strikte Routinen sollen die Männer auf den Neustart vorbereiten. Ob die Nähe zur Freiheit dabei Ermutigung oder Verlockung ist, bleibt am Ende offen und zeigt die Ambivalenz eines Systems, das zwischen Bestrafung und Rehabilitation existiert.

Fotos: Lara Asmus

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