In den Gefängnissen des US-Bundesstaates Missouri gibt es eine Besonderheit, die in Europa ungewöhnlich erscheint: Einmal im Monat dürfen Gefangene Essen aus Restaurants bestellen. Auf den Speiseplan kommen dann Pizza, gebratenes Huhn, Donuts oder Sandwiches, kurz: das, was in der Welt draußen selbstverständlich wirkt, im Gefängnisalltag aber fast unerreichbar ist.

Ein Projekt von Gefangenen für Gefangene

Organisiert werden diese sogenannten Sales Projects nicht von der Gefängnisleitung, sondern von Häftlingsorganisationen wie den Gefängniskapiteln der NAACP oder der Vietnam Veterans of America. Die Einnahmen finanzieren die Vereine und fließen zum Teil an karitative Einrichtungen – etwa an die örtliche Tafel oder das Kinderforschungszentrum St. Jude.

Welche Speisen bestellt werden können, entscheiden die Mitglieder selbst in Abstimmungen. Die Auswahl reicht von Popeyes-Chicken bis Domino’s-Pizza. Ein Hähnchensandwich kostet umgerechnet rund 9 Dollar, ein Box-Menü mit neun Stück Huhn etwa 18 Dollar. Hinzu kommen Gebühren zwischen 2 und 4 Dollar pro Gericht, die die Gefängnisse für Transport- und Abholkosten aufschlagen.

Genuss mit Haken

Das klingt nach Abwechslung, ist aber nicht für alle leistbar. Denn Jobs im Gefängnis werden nur mit wenigen Cents pro Stunde entlohnt. Viele Gefangene sind daher auf Geld von ihren Familien angewiesen. Zudem ist die Bestellung limitiert: In Jefferson City dürfen maximal 60 Dollar pro Person ausgegeben werden, in anderen Anstalten gibt es keine Grenze.

Das Essen muss am Tag der Lieferung verzehrt werden – Kühl- oder Aufbewahrungsmöglichkeiten gibt es kaum. Pizza oder Donuts lassen sich zwar noch ein, zwei Tage aufbewahren, die meisten Speisen aber nicht. Und wenn die Mahlzeit schließlich ankommt, ist sie in der Regel bereits kalt.

Ein Kontrast zum Gefängnisessen

Die Bestellungen haben aber noch eine andere Bedeutung: Sie zeigen den eklatanten Unterschied zur üblichen Gefängniskost. Diese stammt vom Cateringunternehmen Aramark, das in den USA für seine eintönige und fade Küche berüchtigt ist. Die Gefangenen vergleichen die Qualität regelmäßig mit Kantinenessen aus Schultagen, geschmacklos, billig und ohne jede Würze.

So wird jede Bestellung von außen zu einem kleinen Fest. Wenn der weiße Lieferwagen vorfährt, reihen sich hunderte Häftlinge auf, und wer selbst nichts bestellt hat, bekommt oft vom Zellengenossen etwas ab. Das gehört zum unausgesprochenen Knigge. Danach herrscht Stille auf den Stationen, viele Gefangene fallen in ein „Food-Coma“ und schlafen.

Zwischen Weihnachten und Heimweh

Lieferungstag fühlt sich für viele an wie ein Stück Kindheit, wie Weihnachten hinter Mauern. Und doch bleibt ein bitterer Beigeschmack: Die bestellten Mahlzeiten erinnern an Freiheit, an das Leben draußen, an Familie und Normalität. Missouri erlaubt keine privaten Care-Pakete von Angehörigen. Deshalb sind die monatlichen Bestellungen zwar ein Highlight, aber kein Ersatz für das, was vielen am meisten fehlt: ein Stück Zuhause.


Der Artikel von Lexie Handlang erschien im August 2025 im Rahmen des Prisoner Journalism Project

Übersetzt und bearbeitet von Markus Drechsler.

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