Christoph Miebach erkrankt als Jugendlicher psychisch, wird dabei straffällig und mit siebzehn in eine forensische Ambulanz weggesperrt. Der Fürsorge der Eltern fast gänzlich entzogen, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand fortlaufend – und die Behörden weisen die Anfragen der Familie mit eiserner Härte ab.

Die Geschichte des musikalischen ruhigen Jungen lässt Eltern schaudern. Wie schwierig die Pubertät sein kann – ganz ohne Erkrankung – ist kein Geheimnis, aber wenn dann aus dem heiteren Himmel Schizophrenie und eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert wird, würde man selbst vielleicht aus allen Wolken fallen.

Familie Miebach sucht bald schon Hilfe in verschiedenen Kliniken, doch die schwierige Kombination führt zu einem ungünstigen Verlauf. Christoph handelt in manischen Phasen stark impulsiv, attackiert und verletzt Pflegekräfte. Es folgt die Anordnung zur Unterbringung im Maßregelvollzug durch ein Gericht. Gerade sitzt er mit seinen jüngeren Geschwistern noch beim Mittagessen, als er abgeholt wird und bis heute nicht wieder nachhause kommt.


Der Maßregelvollzug ist eine besondere Form der Unterbringung für Menschen, die wegen einer psychischen Erkrankung oder Sucht eine Straftat begangen haben und als weiterhin gefährlich gelten. In Deutschland wird die Unterbringung durch ein Strafgericht angeordnet (§ 63 oder § 64 deutsches StGB).

In Österreich heißt das Pendant dazu: Unterbringung in einem forensisch-therapeutischen Zentrum (§ 21 StGB). Dort kommen Personen unter, die nicht (voll) schuldfähig sind, aber wegen ihrer Erkrankung als gefährlich gelten. Auch hier entscheidet ein Gericht.

Rapunzel lässt grüßen

Unweigerlich fühlt man sich an düstere Märchen aus grauer Vorzeit erinnert: „Da ließ die Zauberin in ihrem Zorn nach und sprach zu ihm: ‚Du musst mir das Kind geben. Es soll ihm gut gehen und ich will für das Kind sorgen wie eine Mutter.‘ Der Mann sagte in seiner Angst alles zu. Die Zauberin gab dem Kind den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort. Als es zwölf Jahre alt war, schloss sie es in einen Turm ein, der in einem Wald lag und weder Treppe noch Türe hatte; nur ganz oben war ein kleines Fensterchen.

In der modernen Gesellschaft haben Justiz und Exekutive die Rolle der mächtigen Zauberin übernommen, deren Forderung wir uns ergeben. Allerdings unter der Voraussetzung, dass sich ordentlich um die überantworteten Menschen gekümmert wird. Die forensische Psychiatrie der Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll formuliert das auf ihrer Homepage so: „Die Kernaufgabe des Maßregelvollzugs liegt in der Besserung und Sicherung psychisch kranker und entwöhnungsbedürftiger Straftäter zum Schutz der Allgemeinheit.“ [Herv. dA]

Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll (Foto: https://www.asklepios.com/hamburg/nord/psychiatrie-ochsenzoll/)

Der Leiter des Zentralbereichs Maßregelvollzug im ZfP Südwürttemberg, Dr. Udo Frank, ging diesen Juli in den Ruhestand. 2018 äußerte er sich zum Maßregelvollzug in der Zeitschrift Facetten folgendermaßen:

Einerseits haben die untergebrachten Patientinnen und Patienten einen Anspruch darauf, dass ihre psychische Krankheit angemessen behandelt wird. Andererseits hat die Gesellschaft ein Recht darauf, vor psychisch kranken Tätern geschützt zu werden.“ Frank betonte: „Forensisch-Psychiatrische Kliniken sind Krankenhäuser, keine Gefängnisse.“

Hehre Ziele, die im Fall von Christoph Miebach offenbar verfehlt wurden. Seit seiner Einweisung wird er mit bis zu acht verschiedenen Medikamenten gleichzeitig behandelt, verbringt die meiste Zeit isoliert auf seinem Zimmer. Die hauseigenen Angebote darf er Großteils nicht besuchen, weil sich die anderen PatientInnen vor ihm fürchten würden. Als Folge verschlechtert sich sein körperlicher und geistiger Zustand.

Sein Bruder Gregor beschreibt es in der NDR-Sendung Panorama 3 so, dass Christoph gar nicht mehr klar sprechen könne und man gar nicht mehr wisse, wie er sei unter den Medikamenten. Eine Einschätzung, die von den ebenfalls befragten ExpertInnen und gerichtlichen GutachterInnen bestätigt wird.

Weder würde die Autismus-Spektrum-Störung berücksichtigt, noch erfolge der für Schizophrenie wichtige Kontakt zur Außenwelt, ganz zu schweigen von der Leitlinie des aktuellen Forschungsstandes, nur ein Medikament zu verabreichen. Doch die privat geführte Klinik in Hamburg weist alle Kritik und Fragen zurück. Nicht nur in diesem Fall.

Der juristische Wald um den Turm

Unlängst gab es im Hamburger Senat eine Anfrage des Abgeordneten Richard Seelmaecker über das Ableben eines anderen Patienten der Klinik im Maßregelvollzug im Oktober 2024. Eine Chance für die Außenwelt einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Wobei an dieser Stelle vorab gewarnt sei, dass man nach Lektüre des Dokuments kaum schlauer ist als zuvor.

In der Forensischen Psychiatrie sind Patientinnen und Patienten hoheitlich durch die zuständigen Gerichte untergebracht. Angehörige und gesetzliche oder anwaltliche Vertretungen (…) werden aber regelmäßig informiert und in die Diskussion über die Weiterbehandlung und Optionen hierzu mit einbezogen, (…). Bei strittigen Fragen können die Angehörigen sich entweder an das Beschwerdemanagement der Klinik, die Aufsichtskommission, die Fachaufsicht der Behörde oder an die zuständigen Gerichte wenden.

Nachdem dieser Erläuterung wird auf die formgerechten Kontrollen hingewiesen, nämlich

  • vierteljährlich Gespräche mit der Sozialbehörde der Stadt,
  • halbjährliche unangekündigte Prüfungen durch eine unabhängige Aufsichtskommission
  • 2020 eine Anti-Folter-Kommission des Europäischen Ausschusses (CPT)
  • 2021 eine Anti-Folter-kommission der UNO (CAT).

Die Antwort auf alle Fragen zum konkreten Fall wird schlussendlich lauten: „Die Aufsichtskommission konnte kein Versäumnis feststellen.“ Oder: Die Maßnahmen seien angemessen gewesen. Besonders lapidar erscheinen im Angesicht des Ablebens eines Patienten bei kritischen Detailfragen: „Siehe Vorbemerkung“ – juristisch sauber, menschlich schwach.

Es gab auch nach Aushändigung der Therapiepläne sowie Akteneinsicht keine Hinweise für nicht ausreichende oder falsche ärztliche Versorgung. Zusammenfassend stellte die Aufsichtskommission fest, dass die Beschwerde als unbegründet einzustufen ist.“ Abschließend fragt der Abgeordnete Seelmaecker: „Welche Maßnahmen sind geplant, um die Transparenz und Aufsicht im Maßregelvollzug zu verbessern und sicherzustellen, dass Patientenrechte gewahrt werden?“ Kurz: Es gäbe keinen Bedarf.

Ein kurzer Ausflug

Nun möchte ich die Forensische Klinik kurz gedanklich verlassen. Sicherlich haben Sie schon mal die Erfahrung gemacht – oder jemand den sie kennen -, von einer Lehrkraft oder einer/einem Vorgesetzten ungerecht behandelt worden zu sein. Und mit fast ebenso so großer Sicherheit wage ich zu behaupten, dass die meisten nichts unternommen haben – weil man weiß, wer am längeren Hebel sitzt. Selbst wenn Sie den Mut hatten Schritte einzuleiten, ist man mit dem Problem konfrontiert, dass die Gegenseite oft die Aufgabe hat, Protokolle zu schreiben. Und wie heißt es so schön? „Sieger“ schreiben die Geschichte.

Wenn also offizielle Stellen die fachlich korrekte Führung bestätigen aufgrund der Protokolle der Befragten, sollte man kritisch sein: Was ist das überhaupt wert? Ohne direkten Einblick in eine Kontrolle zu haben, stelle ich die Vermutung auf, dass allein schon aus Zeitgründen keine minutiöse Untersuchung jedes Falles eines Patienten durchgeführt wird. Zumindest hätte ich in meiner Tätigkeit als Pädagoge die entsprechende fachliche Aufsicht noch nie so erlebt. Sollte es kritische Fälle gegeben haben, können Sie Gift darauf nehmen, dass diese im Vorhinein besonders schlüssig dokumentiert wurden.

Aber zurück zur Asklepios Klinik Nord – Ochsenzoll. Im Bericht des Hamburger Senats an die Bürgerschaft heißt es:

Schwierig wird es für die Aufsichtskommission, wenn zwei sehr gegensätzliche Schilderungen des Beschwerdeanlasses von dem Betroffen(sic) einerseits und der Maßregelvollzugseinrichtung andererseits abgegeben werden. Die Aufsichtskommission hat dann keine andere Möglichkeit, als sich auf die schriftliche Dokumentation zu verlassen.

Welches Interesse könnte denn die Sozialbehörde überhaupt haben, massive Fehler aufzudecken und gegebenenfalls die Institution vorübergehend zu schließen – wie es etwa bei Restaurants mit Hygieneproblemen der Fall wäre? Wer sollte die PatientInnen übernehmen? Heißt es doch weiter im Bericht: „Die allgemeinpsychiatrische Versorgung innerhalb und außerhalb der Kliniken für die chronisch und schwer psychisch Kranken ist nicht ausreichend.“

Ähnlich äußerte sich auf meine Nachfrage ein mir bekannter ehemaliger Sozialarbeiter. Er meinte zu betreuten Wohngruppen für ehemalige Insassen: „Einige Institutionen arbeiten hervorragend, andere sind jedenfalls bemüht, auch wenn Fehler vorkommen. Aber traurig ist, dass die schwarzen Schafe bekannt sind und dennoch kaum etwas geschieht. Außer vielleicht Einzelmaßnahmen.“ Letztlich werden auch diese Wohngruppen von Sozialbehörden beauftragt und kontrolliert. Warum geschieht nichts? Im Zweifelsfall frisst der Teufel Fliegen.

Bericht der Aufsichtskommission: Alles tutto bene?

Nun will ich der hochverdienten Aufsichtskommission keinesfalls unterstellen, die Arbeit schleißig durchzuführen oder bei einer konkreten Beschwerde fachlich inkorrekt zu argumentieren. Der letzte ausführliche Bericht aus dem Jahr 2024 zum Pandemiejahr 2020/2021 unter dem Vorsitz von Dr. Hans Ramm lässt kaum Zweifel an der Expertise oder ihrer Ernsthaftigkeit zu. Er zeichnet sich dadurch aus, dass nach bestem Wissen und Gewissen im Hinblick auf den oft herausfordernden Alltag mit psychisch abnormen Rechtsbrechern bei Streitfragen beraten wird. Dieses Selbstverständnis findet sich ebenso im Schriftverkehr mit Familie Miebach.

Die Aufsichtskommission (…) kann und will auch nicht direkt in therapeutischen Maßnahmen eingreifen. Wir verstehen uns als Vermittler zwischen Patient/innen und der Einrichtung und können sehr wohl Empfehlungen aussprechen oder auch auf Optimierungsmöglichkeiten hinweisen.“

Die Kontrollinstanz ist von der Stadt also als zahnloser Papiertiger konzipiert. Beratend, vermittelnd, im Zweifelsfall auf die Argumentation der Forensik angewiesen. In dieser Funktion bescheinigt sie mehrfach die gute Qualität der Einrichtung:

Der vorliegende Bericht zeigt erneut, dass Hamburg über eine fachlich gut geführte forensisch-psychiatrische Einrichtung verfügt, die ihren gesetzlichen Auftrag der Heilung und Besserung sowie Sicherung während der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus und in einer Entziehungsanstalt qualitativ hochwertig erfüllt.

Interessanterweise beziehen sich die fachlichen Maßnahmen für die Forensische Klinik vollumfänglich auf prä- oder postforensische Projekte. Hier wird insbesondere auf eine bestimmte Gruppe hingewiesen: chronisch psychisch Erkrankte mit komplexen Hilfsbedarfen: Christoph Miebach. Um diesen Menschen zu helfen, wird festgehalten:

[Es] besteht eine besondere Fürsorgepflicht, die nur im Zusammenwirken vieler verschiedener Berufsgruppen und mit individuell erstellten Hilfe-, Maßnahmen- und Behandlungsplänen aus dem Leistungskatalog der Sozialgesetzbücher im Sinne einer rechtskreisübergreifenden Zusammenarbeit gelingen kann.

Allerdings erst nachdem der erste Panorama 3-Bericht öffentlichen Druck erzeugte – also Jahre nach der Aufnahme in die Asklepios Klinik und der Beschwerde bei der Kommission durch die Familie –, wurde auf Anordnung durch die weisungsbefugte Sozialbehörde ein externer Heiltherapeut für Christoph hinzugezogen. Wo bleibt die multiprofessionelle Hilfe? Was für Schlüsse lassen sich aus diesem offensichtlichen Widerspruch ziehen?

Da ist der Wurm drin

Auch bei weiteren schriftlichen Anfragen durch die Abgeordnete Celik oder den bereits erwähnten Abgeordneten Seelmaecker bleibt es dabei: Alles in Ochsenzoll ist regelkonform. Pflege, therapeutische Angebote, Mobiliar – alles wird umgehend und selbstverständlich zur Verfügung gestellt. Die Kommission bescheinigt: Die meisten Beschwerden sind nichtig. Aber die wenigen, die sich ihrer Meinung als berechtigt qualifizieren, zeichnen ein anderes Bild:

  • „(…) ausdrücklich problematisiert, dass dem Wunsch nach einem Gespräch solange nicht nachgekommen worden war.“
  • „(…) hielt diesen Wirrwarr von Nicht-Möglichkeiten für unzumutbar und hat sich schriftlich an die Konzernleitung gewandt.“
  • „(…) dennoch muss festgehalten werden, dass es gerade für ältere Betroffene unzumutbar war, fünf Monate ohne das Angebot der Fußpflege auszukommen.“
  • „Die Reparatur hatte sich in der Tat verzögert. Eine nachvollziehbare Begründung für die Verzögerung der Reparatur konnte nicht benannt werden (…).“
  • „Letztendlich konnte die Maßregelvollzugseinrichtung nach einem längeren Diskussionsprozess erreichen, dass der/die Mitarbeiter/in einem anderen Arbeitsbereich eingesetzt wurde.“
  • „(…) hat die Maßregelvollzugseinrichtung deutlich daraufhin gewiesen(sic), unabhängig von der Frage, was die Ursache für die verzögerte krankengymnastische Versorgung ist, dass sie den Zustand für unhaltbar hält.“
  • „Die Aufsichtskommission erreichten wiederholt Beschwerden über Schimmelbefall.“
  • „Eine betroffene Person beschwerte sich darüber, dass ihm an einem Wochenende vereinbarte Park- und Stadtausgänge gestrichen wurden. (…) In beiden Punkten war die Beschwerde der betroffenen Person berechtigt.“

Auch Familie Miebach kann darüber ein Lied singen. Beispiel Zahnpflege: Dorte Miebach bot wiederholt an die Zahnreinigung bei Christoph durchzuführen, da sie sich für das Pflegepersonal schwierig erwies. Aus Sicherheitsgründen wurde das abgelehnt, schließlich mit Fingerling doch erlaubt – ohne Zahnbürste. Natürlich half das wenig. Erst als der Zahnstein operativ entfernt worden war, ging die normale Zahnpflege plötzlich doch. Ein vermeidbares Problem und ein Indiz für eine Mentalität des Mauerns und Nein-Sagens.

Dabei beschreibt der Psychologe Ingo Kaut in der hauseigenen PatientInnen Zeitschrift den Ansatz des Teams in der Klinik Nord – Ochsenzoll so: „Wenn möglich, wird versucht, die Angehörigen in die Therapie einzubeziehen. (…) Angehörige, die sich mit der Krankheit auseinandersetzen, [sind] förderlich für den Patienten und die soziale Einbindung wirkt sich heilsam aus.“ Trotzdem stießen die Vorschläge und Angebote der Eltern auf taube Ohren.

Das ist sicher kein spezifisches Problem in der Klinik Nord – Ochsenzoll. Das Wörtchen Nein schenkt uns Sicherheit, ein Gefühl von Kontrolle. Ob Einzelhandel, Bank, Gefängnis oder Schule: Wenn es keine bewusst gelebte Betriebskultur zum Ja gibt, zum Möglichkeiten finden, dann lautet die Antwort standardmäßig: Nein. Selbst, wenn es für alle nur Nachteile bringt.

Das Ende der Fahnenstange

Familie Miebach hat sich lange Zeit selbst in Frage gestellt, ob sie etwa zu kritisch wären, zu illusionär was den Zustand ihres Sohnes betrifft. Aber der körperliche Verfall von Christoph war irgendwann nicht mehr wegzudiskutieren. Fahle Haut, 30 Kilo zugenommen, nach Jahren im Zimmer ist der Kreislauf im Eimer, Zahnstein musste operativ entfernt werden und dann ist da die viel wichtigere Frage nach seinem geistigen Abbau. Die MRTs belegen eine signifikante Verringerung des Hirnvolumens. Alles im Rahmen und fachlich korrekt, bekommt Panorama 3 in einer Stellungnahme als Antwort von Asklepios in dieser Frage.

Wenn jemand außerhalb der Klinik Freunde nach wenigen Jahren mit diesen Veränderungen antreffen würde, käme irgendwer zu dem Schluss, dass alles in Ordnung sei? Zweifelhaft. Aus Sicht der Kommission handelt es sich im Grunde um leider unvermeidliche Nebenerscheinungen, wie aus dem Schriftwechsel mit der Familie bereits 2019 hervorgeht:

In dieser für alle Seiten herausfordernden und belastenden Situation ist es außerordentlich schwierig über die Medikation hinaus kontinuierliche therapeutische Angebote zu machen. (…) Diese sogenannte Milieutherapie ist für einen Außenstehenden sicher oftmals nur schwer als eine therapeutische Maßnahme zu erkennen.

Ein Fall von Betriebsblindheit? Schließlich hat sie selber die notwendigen Schritte für Christophs Therapie im letzten Bericht so skizziert: besondere Fürsorgepflicht, Zusammenwirken verschiedener Berufsgruppen mit individuell erstellten Hilfe-, Maßnahmen- und Behandlungsplänen. Stattdessen wird vertröstet.

Leider hat sich trotz der hohen Medikation noch keine Besserung gezeigt.“ „Wir sind sicher, dass das therapeutische Angebot, sobald es der Gesundheitszustand Ihres Sohnes zulässt, erweitert wird.“ Und: „Lassen Sie uns zusammenfassend sagen, dass wir (…) keine Hinweise darauf gefunden haben, dass die Klinik gegen rechtliche Vorgaben (…) verstößt.“

Das war wohlgemerkt bereits 2019. Sechs Jahre später verschlechtert sich Christophs Gesundheitszustand immer weiter, er ist nach wie vor auf der Aufnahmestation, an der Methode Wegsperren und medikamentös Ruhigstellen hat sich nichts geändert. Inwiefern rechtfertigt das die bescheinigte hohe Qualität? Familie Miebach kritisierte die Antworten schon damals – und erntete Schweigen. Bis heute.

Wohin wendet man sich als Angehöriger, wenn im Senat alles abgeschmettert wird, die Kommission kein Fehlverhalten erkennt, aber man mit eigenen Augen sieht, wie Geist und Leben mit jedem Jahr mehr aus dem geliebten Sohn entweichen?

Der ganz normale Wahnsinn

Burkhart Plemper fasst seine Eindrücke über die Klinik nach seinem Besuch für das Magazin Hinz und Kunzt so zusammen: „Forensische Kliniken sind eine abgeschottete Welt für sich, als ‚totale Institutionen‘ hat sie der Soziologe Erving Goffmann schon vor mehr als 50 Jahren bezeichnet.“ Ansonsten beschreibt er recht durchschnittliche Zustände für Haftanstalten, obwohl es sich genaugenommen ja um ein Krankenhaus handelt, wenn es nach dem eingangs zitierten Dr. Frank geht.

Jedenfalls merkt Herr Plemper an: „Das ganze Leben (…)  ist geregelt bis in die kleinsten Kleinigkeiten. Eine solche Institution fördert kein selbstständiges Handeln, sagen Kritiker, sondern verlangt vollständige Anpassung an die künstliche Welt hinter Mauern.“ Eine Anpassung, die Christoph Miebach aufgrund seiner chronischen psychischen Erkrankung und seiner Autismus-Spektrum-Störung schlichtweg nicht vornehmen kann.

Was soll man tun – das System anpassen? Dann doch lieber acht verschiedene Psychopharmaka. Alles regelkonform, fachgerecht, beglaubigt und überprüft.

Familie Miebach hätte da eine andere Vision für Christophs Zukunft. Eine schrittweise Verringerung seiner Medikation, verlässliche Bezugspersonen, eine ruhige, auf ihn abgestimmte Umgebung, individuelle Therapien – um die Isolation zu durchbrechen und den geistigen Abbau aufzuhalten. Sie wissen, dass Christoph gefährlich sein kann. Weil er krank ist. Er braucht dringend die passende Hilfe.

Fotos: Dorte Miebach


Quellen:
Zeitschrift Hinz und Kunzt, https://www.asklepios.com/dam/jcr:c33220a9-f74f-4cb2-9fbf-7105f8ab1dc2/HinzundKunzt_252.pdf, 29.7.2025

Anfrage Senat Hamburg durch Richard Seelmaecker, Drucksache 23/62 Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg, https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/90660/23_00062_tragischer_todesfall_eines_patienten_aus_dem_massregelvollzug, 2.4.25

Anfrage Senat Hamburg durch Richard Seelmaecker, Drucksache 21/19753, https://kleineanfragen.de/hamburg/21/19753, 29.7.25

Facetten – das Psychiatrie Magazin des ZfP Südwürttemberg, Ausgabe 2 Juli 2018, https://gefaengnisseelsorge.net/wp-content/uploads/2019/03/Ma%C3%9Fregel.pdf, Juli 2018

Zusammenfassender Bericht der Aufsichtskommission, https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/86893/zusammenfassender_bericht_der_aufsichtskommission_gemaess_48_absatz_4_des_gesetzes_ueber_den_vollzug_von_massregeln_der_besserung_und_sicherung_in_ein.pdf, 29.7.2025

Der Reporter – Patientenzeitung Hamburg – Ochsenzoll, Ausgabe 01/2018, https://www.asklepios.com/dam/jcr:91df20ce-c2dd-45e2-a8d9-83c4dcc776cb/Reporter_2018_1.pdf, 29.7.2025

Selmaier, Marie: (De-)Institutionalisierung der Versorgung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen in Hamburg, https://reposit.haw-hamburg.de/bitstream/20.500.12738/11293/1/2021Selmaier_Marie_MA.pdf, 2021

Telefonprotokolle mit Dorte Miebach, 28. und 29.7.25

Schriftverkehr Fam. Miebach – Aufsichtskommission aus 2019

Panorama 3 Beitrag 2, https://www.ardmediathek.de/video/panorama-3/hamburg-ochsenzoll-forensische-psychiatrie-weiter-in-der-kritik/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS81OTc5Y2MwZi1mZDQ0LTRjMDYtOTlhMS0xZjY0YzY0YzBjNzc, 30.7.25

Panorama 3 Beitrag 1, https://www.ardmediathek.de/video/panorama-3/menschenunwuerdig-forensik-ochsenzoll-in-der-kritik/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS83YjBkYTVjNy1hODIyLTQzNzUtYjU2Zi02NThiMDRkZDdhNDY, 30.7.25

7 Replies to “Gestohlene Leben – Der Kampf der Familie Miebach für ihren Sohn”

  1. Es zerreißt mir immer wieder auf‘s Neue mein Herz, wenn ich von solchen offensichtlichen Systemfehlern lesen muss, vor allem auch weil ich weiß, keinesfalls handelt es sich um einen Einzelfall. Angehörige oder Vertrauenspersonen von Patient*innen, werden nie einbezogen, obwohl oftmals genau dadurch erst der passendenSchlüssel zu einer individuell gestaltenden und hilfreichen Therapie gegeben wäre. Ich behaupte, die Annahme es wäre die „Sicherheit nicht zu garantieren“, ist eine einfache Ausrede um sich nicht mit Optimierungen befassen zu müssen. Das nächste Thema sind Pharmafirmen, welche in der Forschung nachlässig sind, da es keine Gewinne zu erwarten gibt. Und ich stelle mir die Frage, kann man die hohen Kosten, welche eine „Untersuchungskommission“ verursacht nicht besser in die Therapiemethoden investieren? – denn eine Kommission die nichts für Patient*innen bewirkt, braucht die Gesellschaft nicht.

  2. Kann Kurt aus Breitenfurt nur voll zustimmen.

    Hoffe der Artikel zieht weite Kreise um auf dieses Schicksal, dass sicher kein Einzelfall ist, aufmerksam zu machen und Anstoß für Veränderung und Verbesserung ist.

  3. Die gängige Praxis, junge Menschen mit starken Psychopharmaka ruhigzustellen, hat dramatische Nebenwirkungen. Viele dieser Substanzen greifen tief in den Hirnstoffwechsel ein, verändern Persönlichkeit, Wahrnehmung, Motorik – und hinterlassen oft dauerhafte Schäden an Körper und Geist. Manche Jugendliche, einst voller Träume, vegetieren am Ende nur noch. Sie entwickeln schwere körperliche Nebenwirkungen, leiden an Bewegungsstörungen, innerer Unruhe, Gewichtszunahme oder – noch tragischer – an Leber- und Nierenschäden. Nicht wenige sterben daran.

    Dabei drängt sich eine bedrückende Frage auf: Werden diese jungen Menschen wirklich behandelt – oder dienen sie als Versuchskaninchen für eine Industrie, die Milliarden mit Medikamenten verdient? Der Grat zwischen Hilfe und Kontrolle, zwischen Therapie und pharmazeutischer Unterwerfung, ist oft schmal.

    Was fehlt, ist Menschlichkeit. Was fehlt, ist ein System, das Jugendliche nicht nur medizinisch betrachtet, sondern ganzheitlich – in ihrer Krise, mit ihrer Seele, mit ihrem inneren Schmerz. Was fehlt, ist eine Therapie, die nicht nur dämpft, sondern versteht.

    Psychosen sind keine Todesurteile. Viele Menschen erleben sie – und finden mit der richtigen Unterstützung zurück ins Leben. Doch dafür braucht es Offenheit, alternative Behandlungsansätze, psychosoziale Begleitung und vor allem: den Willen, hinzuschauen. Nicht zu sedieren. Sondern zu heilen.

    1. Ich kann mich den Worten von Dijana nur anschließen.
      Ich lese jetzt gerade erst die Geschichte von Christoph Miebach und bin fassungslos, dass eine solche menschunwürdige Umgehensweise in Deutschland überhaupt möglich ist und trotz Bekanntwerden durch die Medien immer noch stattfindet.
      Ich hätte gerne eine Kontaktmöglichkeit zu seinen Eltern und möchte gerne unterstützen, falls gewünscht.
      Chrishan

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