Wut, Aggressivität und manchmal sogar Handgreiflichkeiten sind Alltag hinter Gittern. Wie kann man diesem Verhalten entgegenwirken? Der gemeinnützige Verein „Lernraum Knast e. V.“ hat einen interessanten Lösungsansatz: Achtsamkeitstraining, um die emotionale Kompetenz und die Impulskontrolle zu verbessern.
Wuppertal. Stephanie Mitro Hofmann ist eine gelernte MBSR-Trainerin (Mindfulness-Based Stress Reduction, also Stressbewältigung durch Achtsamkeit). Sie arbeitet schon seit 9 Jahren eng mit der Justizvollzugsanstalt Wuppertal zusammen. In ihren rund zwei Stunden dauernden Kursen versucht sie verurteilten Straftgefangenen neue Perspektiven aufzuzeigen. Durch Atemübungen, Meditation und Körperwahrnehmung soll der Zeitraum zwischen Reiz und Reaktion ausgedehnt werden. „Das Wichtigste ist, alles zu stoppen“, sagt die Initiatorin des Vereins. „Die Gedanken anzuhalten und den Fokus auf das Innere zu lenken“. Die in Haft befindlichen Personen sollen erkennen lernen, was im Moment der Wut in ihnen abläuft. Das ist die Grundvoraussetzung, um in Zukunft schwierige Situationen meistern zu können. Die Menschen sollen die Handlungsimpulse bewusst wahrnehmen und diese stoppen können, bevor sie diese ausleben. „Das ist der Mittelpunkt des Kurses“, erklärt Hofmann.
Zehn erwachsene Strafgefangene meditieren gemeinsam
Nach einer ausführlichen Informationsveranstaltung findet der freiwillige Kurs in einem separaten Raum statt. Neben Sitzkissen liegen dort auch Matten und ein Gong bereit. Laut Hofmann wird das Angebot von allen Gefangenengruppen sehr gut angenommen. Besonders häufig seien KapitalverbrecherInnen im Projekt, weil diese oft schwer an ihren Taten zu tragen hätten. „Einige kommen auch aus Neugier oder um einfach aus dem Haftraum rauszukommen“, fährt sie fort. Aber die würden nicht lange bleiben. Der wöchentlich stattfindende Kurs ist fortlaufend. In je zwei Stunden bringt Hofmann den Interessierten schrittweise bei, ihre Emotionen und Impulse besser unter Kontrolle zu halten. Die TeilnehmerInnen erlernen dabei auch Selbstreflexion und steigern ihre Kommunikationsfähigkeit.
In der ersten Sitzung liegt der Fokus auf der Körperwahrnehmung. Es wird eine angeleitete Reise durch den Körper gemacht, man lernt sich selbst besser kennen. Dieser sogenannte Bodyscan ist die Grundlage für die weiteren Achtsamkeitsübungen. Die Gruppe aus bis zu zehn Personen fokussiert sich danach auf die Atemtechnik. Dieser Schritt wird oft wiederholt, denn er ist essenziell, um später einen unerwünschten Impulse bemerken und stoppen zu können. Die Teilnehmer lernen dann im nächsten Schritt, Gedanken zu bemerken und loszulassen, indem sie immer wieder zur Wahrnehmung des Atems zurückkehren. Ein weiterer Baustein des Kurses ist das ergründen, wo man bestimmte Emotionen und Gefühle wahrnimmt. Man versucht herauszufinden, wo man beispielsweise Wut spürt. Die Muskeln kontrahieren, der Kiefer verkrampft sich, man fühlt Hitze, ein Brennen im Bauch. Denn erst wenn man das bewusst wahrnimmt, kann man es stoppen. Aber das braucht Übung. Genau dafür erhalten die TeilnehmerInnen sogar eine CD. So können sie die Technik auch eigenständig im Haftraum weiterüben. Das Handwerkszeug zur besseren Impulskontrolle vermittelt Hofmann und ihr fünfköpfiges Team. „Man hat dann die Zeit und Freiheit, eine Entscheidung zu treffen: Ist es klug, dem jetzt eine in die Fresse zu hauen oder vielleicht doch den Rückzug anzutreten und es später in Ruhe zu klären“, sagt die Trainerin dazu.

„Wir üben nicht nur, wir reden auch“
Bei dem Programm wird auch kommuniziert. Um die sprachliche Distanz abzubauen, duzen sich alle bei den Sitzungen. „Bei den Diskussionen, die manchmal entstehen, kann es auch heiß zur Sache gehen“, sagt Hofmann. Aber die Gedanken müssen eben raus. Es gibt allerdings keinen Zwang. „Wenn die Leute nur da sitzen und schweigend zuhören, ist es auch okay. Ich dränge nicht“, stellt sie klar. Bei den Sitzungen sind keine Bediensteten der JVA anwesend, damit jeder offen reden kann. Sicher fühlt sich die Kursleiterin dennoch. Hofmann musste nur einmal in ihrer neunjährigen Laufbahn jemand rauswerfen. Der 20-Jährige hatte sich ihr gegenüber aggressiv benommen. Sie bezeichnet das als ihre schlechteste und frustrierendste Erfahrung. Anfangs hatte sie sich mit dem jungen Mann sogar gut verstanden. Im Lauf einer dreiwöchigen Kurspause hat er sich allerdings von ihr abgewendet.
Die guten Erfahrungen überwiegen jedoch. Eine davon war mit einem ehemals schwer drogenabhängigen Dealer. Auch hier greift das Programm der Impulskontrolle. Wie geht man mit dem Drang um, der Sucht nachgeben zu wollen? Brauche ich die Drogen wirklich? Vielleicht ist es doch eher Wertschätzung oder sich gebraucht fühlen? Dieses Bedürfnis nach Sinn lässt sich in vielen in Haft befindlichen Personen finden. So war es jedenfalls für den 53-jährigen Sven Wirsen. Der Inhaftierte hat den Lernraum Knast e. V. Kurs besucht und ist auch nach seiner Verlegung mit Hofmann in Kontakt geblieben. Sie hat sein Potenzial erkannt und ihm vorgeschlagen, nach seiner Entlassung präventiv an Schulen mit Jugendlichen zu arbeiten. Nachdem sie das einige Monate gemeinsam gemacht haben, hält Wirsen die Kurse jetzt alleine ab. Er hat schon mit mehr als 4.000 Schulkindern gesprochen und einige davon wieder auf den rechten Weg zurückgeführt. „Er ist jetzt ein völlig anderer Mensch und sagt, er würde nie wieder zurück in sein altes Leben wollen“, sagt Hofmann mit Stolz in der Stimme.
Ausweitung nach Österreich?
Die Praxis der Impulskontrolle ist ein hervorragendes Werkzeug zur Resozialisierung. Außerdem können auch Konflikte hinter Gittern mit dieser Technik besser bewältigt werden. Da stellt sich natürlich die Frage, ob eine Ausweitung des Angebotes auf Österreich möglich wäre. „Wir möchten den Verein erst mal deutschlandweit aufstellen und sind gerade auf der Suche nach Trainern“ Der Verein versucht, Haftentlassenen die Möglichkeit zu bieten, sich in Präventionsarbeit zu engagieren. Außerdem werden geeignete Ex-Gefangene mit Ausbildung in Anti-Gewalt oder Anti-Mobbingkurse unterstützt. All das kostet natürlich Geld. Vom Land gibt es keine Förderung, der Verein ist völlig auf Spenden angewiesen. Daher werden die Achtsamkeitskurse wohl ein deutsches Projekt bleiben. Zumindest vorerst.
