Warum der „Nelson Mandela Day“ an unsere Verantwortung erinnert, auch hinter Gittern Menschenrechte zu wahren, und was die Mandela-Regeln für einen humanen Strafvollzug weltweit bedeuten.

Ursprung und Bedeutung des Nelson Mandela International Day

Am 18. Juli 2025 feiert die Welt erneut den Nelson Mandela International Day. Einen Gedenktag der Vereinten Nationen, der Nelson Mandelas Vermächtnis würdigt. Die UN-Generalversammlung erklärte im November 2009 den 18. Juli, Mandelas Geburtstag, offiziell zum „Nelson Mandela International Day“. Erstmals widmete die UN damit einen internationalen Tag einer einzelnen Person. In der entsprechenden Resolution werden Mandelas Werte und sein Lebenswerk anerkannt, sein Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit, Menschenrechte, Versöhnung, Gleichberechtigung der Geschlechter, den Schutz von Kindern und anderen vulnerablen Gruppen sowie die Bekämpfung von Armut und Unterdrückung. Der Mandela-Tag soll „das Vermächtnis des früheren Präsidenten Südafrikas und seine Werte ehren“ und Menschen weltweit dazu anregen, sich durch freiwilliges Engagement für das Gemeinwohl einzusetzen. So ruft z.B. die Nelson-Mandela-Stiftung dazu auf, an diesem Tag 67 Minuten seiner Zeit für andere zu investieren, inspiriert von Mandelas 67 Dienstjahren für die Menschheit. Mandela Day ist kein arbeitsfreier Feiertag, sondern ein Aufruf zum „Service to others“, bei dem jeder Einzelne durch ehrenamtliche Aktionen im Sinne Mandelas einen Beitrag leisten kann. Dieses Konzept, symbolisch für Mitmenschlichkeit und soziales Engagement, hat dem Mandela-Tag weltweit Bedeutung verliehen und macht ihn zu einem Anlass, an dem Regierungen, Organisationen und Bürger gemeinsam Aktivitäten für Frieden, Gerechtigkeit und Entwicklung durchführen.

Die Nelson-Mandela-Regeln: UN-Standards für die Behandlung von Gefangenen

Ein zentrales Element von Mandelas Vermächtnis sind die nach ihm benannten Nelson-Mandela-Regeln. Hierbei handelt es sich um die überarbeiteten Mindestgrundsätze der Vereinten Nationen für die Behandlung der Gefangenen (UN Standard Minimum Rules for the Treatment of Prisoners), weltweit anerkannte Richtlinien, die festlegen, wie Inhaftierte menschenwürdig zu behandeln sind. Die Ursprünge dieser Standards reichen bis ins Jahr 1955 zurück, als die ersten Mindestgrundsätze nach den Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs verabschiedet wurden. Nach jahrzehntelanger Anwendung wurden die Regeln in einem fünfjährigen Prozess überarbeitet und schließlich im Dezember 2015 von der UN-Generalversammlung einstimmig als Resolution 70/175 angenommen. Um die besondere Rolle Südafrikas in diesem Revisionsprozess zu würdigen und Nelson Mandela zu ehren, der im Kampf gegen die Apartheid 27 Jahre seines Lebens in Haft verbrachte, gab die UN den überarbeiteten Regeln den Beinamen „Nelson-Mandela-Regeln“. Zugleich beschloss die Generalversammlung, den Internationalen Nelson-Mandela-Tag (18. Juli) fortan auch gezielt zu nutzen, um humane Haftbedingungen zu fördern, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Gefangene „weiterhin Teil der Gesellschaft“ sind, und die Arbeit des Strafvollzugspersonals als wichtigen sozialen Dienst anzuerkennen.

Die Nelson-Mandela-Regeln umfassen insgesamt 122 Grundregeln und decken ein äußerst breites Spektrum aller Aspekte des Gefängniswesens ab. Sie fassen die international anerkannten Minimalstandards für den Umgang mit Gefangenen in einem Dokument zusammen, unabhängig davon, ob es sich um Untersuchungsgefangene oder verurteilte Strafgefangene handelt. Die Regeln geben detaillierte Leitlinien für praktisch alle Bereiche der Haftanstalten vor, von der Aufnahme und Klassifizierung der Gefangenen über Unterkunft, Hygiene, Verpflegung und Gesundheitsversorgung bis hin zu Disziplinarmaßnahmen. Insbesondere schreiben sie das Verbot von Folter und Misshandlung fest, setzen Grenzen für die Einzelhaft (Isolationshaft) und betonen den Grundsatz der Gleichbehandlung ohne Diskriminierung. Auch der Kontakt zur Außenwelt, etwa durch Besuche oder Briefe, sowie Bildungs- und Rehabilitationsangebote und die Vorbereitung auf die Entlassung sind in den Regeln verankert. Personal im Strafvollzug soll angemessen ausgewählt und geschult werden, und unabhängige Inspektionsmechanismen sollen die Einhaltung der Standards überwachen.

Obwohl die Mandela-Regeln völkerrechtlich nicht unmittelbar bindend sind, gelten sie heute faktisch als „universell anerkannter Maßstab“ für das Gefängniswesen im 21. Jahrhundert. Viele Staaten betrachten diese UN-Mindeststandards als primäre Referenz für ihre nationalen Vorschriften zum Strafvollzug. Auch internationale und regionale Einrichtungen, etwa das Europäische Komitee zur Verhütung von Folter, sowie Menschenrechtsorganisationen nutzen die Mandela-Regeln als Benchmark, um die Haftbedingungen zu beurteilen und Verbesserungen einzufordern. Insgesamt bilden die Regeln eine Art Blueprint für einen modernen Strafvollzug, der Sicherheit und Ordnung mit der Würde und den Rechten der Gefangenen in Einklang bringt. Ihre breite Akzeptanz zeigt sich auch daran, dass weltweit über 30 Staaten, koordiniert in der informellen Group of Friends of the Nelson Mandela Rules unter dem gemeinsamen Vorsitz von Südafrika und Deutschland, aktiv an der Verbreitung und praktischen Umsetzung der Regeln mitwirken.

Geschichtliche Entwicklung der Gefangenenrechte und Mandelas eigene Inhaftierung

Historisch waren die Rechte von Gefangenen lange Zeit kaum geschützt, oft galten Inhaftierte sogar als „bürgerlich tot“ und rechtlos gegenüber dem Staat. Erst mit der Entwicklung der internationalen Menschenrechtsideen im 20. Jahrhundert begann sich dies grundlegend zu ändern. Ein wichtiger Meilenstein war die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948, die in Artikel 5 „grausame, unmenschliche oder erniedrigende Behandlung oder Strafe“ verbietet. Noch konkreter formulierte es der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte (UN-Zivilpakt) von 1966: „Jeder, dem seine Freiheit entzogen ist, muss menschlich und mit Achtung vor der dem Menschen innewohnenden Würde behandelt werden.“. Dieses Prinzip, die Wahrung der Menschenwürde auch im Freiheitsentzug, ist seither verbindliches Völkerrecht und bildet das Fundament moderner Gefangenenrechte. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden zudem regionale Menschenrechtsabkommen und Aufsichtsmechanismen (z.B. die Europäische Menschenrechtskonvention und das Anti-Folter-Komitee des Europarats), welche die Behandlung von Häftlingen überwachen.

Parallel dazu formulierten die Vereinten Nationen schon 1955 erste Mindeststandards für den Strafvollzug, um weltweit grundlegende Regeln für den Umgang mit Gefangenen zu etablieren. Diese UN-Mindestgrundsätze von 1955, Vorläufer der Mandela-Regeln, waren zwar rechtlich unverbindlich, beeinflussten aber maßgeblich die Gefängnisreformen in vielen Ländern und dienten als Referenz für nationale Gesetze. Dennoch blieben Missstände in Gefängnissen global an der Tagesordnung, von überfüllten Zellen bis hin zu Zwangsarbeit und Gewalt. Die internationale Gefangenenrechtsbewegung gewann vor allem ab den 1970er Jahren an Fahrt, etwa nach Aufständen wie in Attica (USA) 1971, die ein Schlaglicht auf die schlechten Haftbedingungen warfen. Gerichte in einigen Ländern begannen, Mindestrechte für Häftlinge, z.B. medizinische Versorgung oder Rechtsbeistand, einzufordern, und NGOs wie Amnesty International prangerten Folter in Gefängnissen weltweit an.

Nelson Mandelas eigene Gefangenschaft (von 1962 bis 1990) spiegelt die historische Entwicklung der Gefangenenrechte eindrucksvoll wider. Unter dem südafrikanischen Apartheid-Regime war Mandela 27 Jahre lang als politischer Gefangener inhaftiert, die meiste Zeit davon auf Robben Island. Die Haftbedingungen für Mandela und andere schwarze politische Gefangene waren damals äußerst hart: Zwangsarbeit im Steinbruch, minimale Verpflegung, das Verbot von Besuchen oder Briefen über viele Jahre und eine isolierende Einzelzelle prägten den Alltag. Mandela schrieb später, die Isolation, insbesondere in Einzelhaft, sei „der entmutigendste Aspekt des Gefängnislebens“ gewesen. Dennoch ließ er sich nicht brechen: Trotz der unmenschlichen Behandlung behielt Mandela seine Würde und sein Ziel fest im Blick. Er organisierte Bildungsdiskussionen unter Mitgefangenen, kämpfte für kleine Verbesserungen (etwa das Tragen langer Hosen statt kurzer Häftlingshosen für Schwarze) und wurde zum Symbol des ungebrochenen Freiheitswillens.

International sorgte Mandelas Schicksal für große Aufmerksamkeit. Die Vereinten Nationen hatten die Überwindung der Apartheid seit den 1960er Jahren zu einer Priorität erklärt und prangerten regelmäßig die Unmenschlichkeit des Systems an. Mit Resolutionen, einem Waffenembargo und Boykottaufrufen erhöhten sie den Druck auf Südafrika. Mandelas jahrzehntelange Haft rückte dabei auch die Frage der Behandlung politischer Gefangener ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Als Mandela 1990 endlich freikam, wurde er nicht nur zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas, sondern auch zum weltweit bewunderten Menschenrechtsverteidiger. Sein persönliches Erlebnis, 27 Jahre hinter Gittern, unterstrich eindringlich, wie wichtig der rechtsstaatliche Schutz von Gefangenen ist. Dass die UN die überarbeiteten Mindeststandards 2015 ausgerechnet nach Nelson Mandela benannten, zeigt die historische Bedeutung seines Beispiels: Es verbindet den Kampf gegen Ungerechtigkeit mit der Forderung nach menschlicher Würde selbst für diejenigen, die eingesperrt sind.

Das Gefängnis auf Robben Island (bei Kapstadt, Südafrika) in dem Nelson Mandela inhaftiert war.

Warum es wichtig ist, die Rechte von Gefangenen zu wahren

Auch heute noch werden Gefangenenrechte in vielen Teilen der Welt als nachrangig betrachtet. Dabei ist der Schutz der Rechte Inhaftierter aus mehreren Gründen von globaler Bedeutung, rechtlich, moralisch und gesellschaftlich:

  • Rechtlich: Staaten sind völkerrechtlich verpflichtet, auch im Strafvollzug die Menschenrechte einzuhalten. International anerkannte Normen wie der UN-Zivilpakt garantieren Gefangenen das Recht auf humane Behandlung und verbieten Folter oder grausame Strafen. Inhaftierung bedeutet lediglich den Entzug der Bewegungsfreiheit, alle anderen Rechte bleiben unberührt. Gefangene haben weiterhin ein Anrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, auf gesundheitliche Versorgung, fairen Zugang zur Justiz etc. Wenn Staaten diese Rechte verletzen, handeln sie rechtsstaatswidrig und machen sich vor der internationalen Gemeinschaft verantwortbar. Rechtsstaatlichkeit bemisst sich eben auch daran, wie ein Staat seine Gefangenen behandelt, sie endet nicht an den Gefängnistoren.
  • Moralisch: „Es heißt, dass man eine Nation erst dann wirklich kennt, wenn man in ihren Gefängnissen gewesen ist. Eine Nation sollte nicht danach beurteilt werden, wie sie ihre höchsten Bürger behandelt, sondern ihre niedrigsten.“ Dieses berühmte Zitat von Nelson Mandela bringt die moralische Dimension auf den Punkt. Der Umgang mit Gefangenen, den verletzlichsten Mitgliedern der Gesellschaft, ist ein Spiegel für das ethische Fundament eines Gemeinwesens. Humanität und Würde müssen für alle Menschen gelten, auch für Straftäter. Selbst wer ein Verbrechen begangen hat, bleibt ein Mensch mit Anspruch auf respektvolle Behandlung. Eine Gesellschaft, die Gefangene grausam oder entwürdigend behandelt, verletzt nicht nur die Opfer in den Haftanstalten, sondern untergräbt auch die eigenen Werte von Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit. Umgekehrt gilt: Die Achtung der Gefangenenrechte ist ein Zeichen von Empathie, Zivilisation und moralischer Integrität einer Nation.
  • Gesellschaftlich: Der Zustand der Gefängnisse wirkt direkt auf die Gesellschaft zurück. Gefängnisse sind ein Mikrokosmos der sozialen Wirklichkeit und zeigen, wo Staat und Gemeinschaft versagen. Missstände im Strafvollzug, von Gewalt bis Gesundheitskrisen, bedrohen die Sicherheit und Gesundheit nicht nur der Insassen, sondern letztlich aller. So hat z.B. die COVID-19-Pandemie verdeutlicht, dass überfüllte und unhygienische Gefängnisse zu Infektionsherden werden können, die auch die Allgemeinheit gefährden. Zudem werden die meisten Häftlinge eines Tages entlassen und kehren in die Gesellschaft zurück, Studien schätzen, dass rund 95 % der Gefangenen irgendwann wieder auf freien Fuß kommen. Ihr Verhalten nach der Entlassung hängt stark davon ab, wie man sie in Haft behandelt hat. Werden sie misshandelt oder ohne Perspektive weggesperrt, steigen Aggression und Rückfallrisiko; werden sie hingegen anständig behandelt und auf ein legales Leben vorbereitet, profitieren alle von weniger Kriminalität. Humane Haftbedingungen fördern Resozialisierung und damit die öffentliche Sicherheit. Wie es ein norwegischer Gefängnisdirektor formulierte: „In Norwegen besteht die Strafe darin, jemandem die Freiheit zu entziehen. Alle anderen Rechte bleiben [ihm] erhalten.“, dieser Ansatz führt dazu, dass Norwegen eine der weltweit niedrigsten Rückfallquoten (nur ca. 20 % innerhalb von zwei Jahren) aufweist. Schließlich stärkt die Wahrung von Gefangenenrechten auch das Vertrauen der Bevölkerung in das Justizsystem. Wenn Bürger sehen, dass der Staat selbst gegenüber Straftätern rechtsstaatlich und fair agiert, erhöht das die Legitimität der Strafjustiz insgesamt.

Aktuelle internationale Herausforderungen und Beispiele

Überbelegte Gefängnisse und mangelnde Ressourcen führen in vielen Ländern zu menschenunwürdigen Bedingungen. Leider entspricht die Realität in zahlreichen Gefängnissen weltweit noch nicht den Mandela-Regeln. Zu den größten aktuellen Herausforderungen gehören insbesondere Überbelegung, Gewalt und mangelnde Hygiene/Versorgung. Laut UN-Daten arbeiten über die Hälfte aller Staaten mit Haftanstalten, die durchschnittlich über 100 % ihrer Aufnahmekapazität belegt sind. In jedem fünften Land liegt die Belegung sogar über 150 %, mit anderen Worten: Vielerorts sitzen deutlich mehr Menschen hinter Gittern, als Plätze zur Verfügung stehen. Solche Überbelegungen führen zu katastrophalen Verhältnissen: Gefangene müssen häufig in engen, schlecht belüfteten Zellen auf dem Boden schlafen, sanitäre Anlagen sind unzureichend, und Krankheiten wie Tuberkulose oder COVID-19 breiten sich rasant aus. Besonders problematisch ist auch, dass weltweit etwa ein Drittel der Inhaftierten keine rechtskräftig Verurteilten, sondern Untersuchungshäftlinge sind. In vielen Ländern warten Tausende Beschuldigte jahrelang eingesperrt auf ein Gerichtsverfahren, weil Justiz und Verwaltung überlastet sind – ein klarer Verstoß gegen das Recht auf Unschuldsvermutung und zügige Verfahren. Die Mandela-Regeln fordern, Untersuchungshäftlinge getrennt von Verurteilten zu halten und nach Möglichkeit durch alternative Maßnahmen (Kaution, Hausarrest etc.) zu ersetzen. Doch in der Praxis fehlt es oft am politischen Willen oder an Ressourcen, um solche Lösungen umzusetzen.

Daneben gibt es alarmierende Beispiele für gravierende Missachtung der Gefangenenrechte. Ein aktueller Extremfall ist El Salvador: Im Zuge eines rigorosen Vorgehens gegen kriminelle Gangs hat die Regierung dort seit 2022 zehntausende Menschen inhaftiert und die Gefängnisse massiv überfüllt. Mit über 102.000 Gefangenen hat El Salvador mittlerweile die höchste Inhaftierungsrate der Welt, die Gefängnisse sind im Schnitt zu 236 % überbelegt. Nach Recherchen von Amnesty International geht diese Kampagne mit systematischen schweren Menschenrechtsverletzungen einher: massive willkürliche Verhaftungen, gewaltsames Verschwindenlassen, Folter und andere Misshandlungen von Gefangenen sind dokumentiert. Seit Einführung des Ausnahmezustands 2022 starben mindestens 190 Inhaftierte in staatlichem Gewahrsam, viele infolge von Folter, Misshandlung oder der brutal schlechten Haftbedingungen (z.B. durch Vorenthaltung medizinischer Versorgung). Der Staat hat zeitweise fundamentale Rechtsgarantien außer Kraft gesetzt, etwa gibt es keine Haftprüfungen mehr und keinerlei Transparenz, wer wo festgehalten wird. Dieses Vorgehen zeigt, wie rasch Rechtsstaat und Menschenrechte im Strafvollzug ausgehöhlt werden können, wenn Sicherheitsrhetorik dominiert. Vulnerable Bevölkerungsgruppen, die ohnehin unter Armut und Gewalt litten, sind nun doppelt Opfer – erst der Gangkriminalität und jetzt staatlicher Willkür. Die Mandela-Regeln stehen in krassem Gegensatz zu solchen Entwicklungen: Sie mahnen, dass selbst im Kampf gegen Kriminalität niemals Folter oder unmenschliche Haft legitimiert werden dürfen. Fälle wie El Salvador, aber auch Berichte über Folter in iranischen oder syrischen Gefängnissen oder skandalöse Haftbedingungen in einigen US-Gefängnissen, unterstreichen den dringenden Handlungsbedarf weltweit.

Es gibt jedoch auch positive Ansätze, die Hoffnung machen. So verbessern viele Länder schrittweise ihre Gesetze und Praktiken im Lichte der Mandela-Regeln. Internationale Kooperation spielt dabei eine Rolle: Eine informelle Gruppe von über 30 Staaten, die „Friends of the Nelson Mandela Rules“, arbeitet seit einigen Jahren daran, die praktische Umsetzung der Regeln voranzutreiben. Deutschland etwa integriert die Inhalte der Mandela-Regeln in die Ausbildung von Justizvollzugsbediensteten. Auch der Ausbau von Alternativen zur Haft (wie Bewährungsprogrammen oder gemeinnütziger Arbeit) wird in manchen Regionen forciert, um Überbelegung zu reduzieren und geringfügige Delikte anders zu sanktionieren. Ein oft genanntes Vorbild ist Norwegen, dessen Gefängnissystem stark auf Rehabilitation statt reiner Strafe setzt. Dort gilt das Prinzip der Normalisierung: Das Leben hinter Gittern soll dem Leben in Freiheit so weit wie möglich ähneln, um die Wiedereingliederung zu erleichtern. Norwegische Gefangene behalten das Recht zu wählen, können Bildungs- und Sportangebote nutzen und werden von ausgebildeten Betreuern unterstützt. Gewalt oder Schikane durch das Personal sind tabu; Sicherheitsbeamte begegnen Insassen „auf Augenhöhe“, teils machen sie sogar gemeinsam Sport oder kochen miteinander. Diese Achtung der Würde zahlt sich aus: Norwegen verzeichnet mit rund 20 % Rückfallquote eine der niedrigsten weltweit, verglichen mit 50 % und mehr in vielen anderen Ländern. Das zeigt, dass die Einhaltung der Mandela-Regeln kein utopisches Ideal ist, sondern praktisch funktionieren kann, zugunsten der Gefangenen und der gesamten Gesellschaft.

Relevanz der Mandela-Regeln heute: Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit

Im Jahr 2025, einem Jahrzehnt nach ihrer Einführung, sind die Mandela-Regeln so relevant wie nie. Weltweit sitzen über 11 Millionen Menschen in Haft, Tendenz steigend. Gleichzeitig erstarken in einigen Ländern populistische „Law-and-Order“-Politiken, die harsche Strafen propagieren und Rechte von Beschuldigten einschränken. In diesem Kontext bieten die Mandela-Regeln einen universellen Referenzrahmen, der daran erinnert, dass Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte auch im Gefängnis gelten müssen. Die Regeln stellen ein „universell anerkanntes Konzept für das Gefängnismanagement im 21. Jahrhundert“ dar. Sie liefern Regierungen wie auch zivilgesellschaftlichen Akteuren klare Benchmarks, um Haftbedingungen zu beurteilen und zu verbessern. In internationalen Diskussionen über Strafvollzugsreformen sind die Mandela-Regeln heute ein zentraler Bezugspunkt, sie sind zu einem wichtigen Bestandteil der weltweiten Debatte über menschenwürdigen Strafvollzug geworden.

Aus Perspektive der Menschenrechte verankern die Mandela-Regeln das grundlegende Prinzip, dass Gefangene Träger von Rechten bleiben. „Inhaftierte haben nur ein einziges Recht verloren, das Recht auf Bewegungsfreiheit. Alle ihre anderen grundlegenden Menschenrechte bleiben bestehen.“ Dieses Zitat einer indischen Expertin verdeutlicht, dass eine Haftstrafe nicht die Aberkennung von Würde, Gesundheit oder Persönlichkeit bedeuten darf. Die Regeln schaffen damit einen wichtigen Schutzmechanismus gegen Entmenschlichung: Sie setzen Grenzen, was Staaten im Umgang mit Gefangenen tun dürfen, und stützen die Arbeit von Gerichten, Komitees und Organisationen, die Missstände anprangern. Für die Rechtsstaatlichkeit sind die Haftstandards ebenfalls essenziell. Der Zustand eines Gefängnisses und der Umgang mit den Insassen gelten zu Recht als Spiegel des Zustands eines Gemeinwesens. Werden Gesetz und Rechte hinter Gittern konsequent eingehalten, stärkt das das Vertrauen der Bürger in den gesamten Rechtsstaat. Umgekehrt untergräbt ein willkürlicher oder grausamer Strafvollzug die Glaubwürdigkeit staatlicher Autorität und kann zu mehr Unsicherheit führen. Die Mandela-Regeln helfen, staatliche Willkür einzuhegen und Transparenz wie Rechenschaft im Vollzug zu fördern, etwa durch Forderung nach Dokumentation von Vorfällen, Beschwerdemechanismen für Gefangene und unabhängiger Überwachung.

Nicht zuletzt sind die Mandela-Regeln im aktuellen Kontext auch eine Mahnung zu Menschlichkeit und Prävention. Sie erinnern Regierungen daran, dass harte Haftbedingungen oft kontraproduktiv sind – sie produzieren höhere Rückfallquoten, mehr Gewalt und brechen Menschen seelisch wie körperlich. Dem setzt Mandelas Name über den Regeln ein starkes Zeichen entgegen: Strafvollzug soll nicht zerstören, sondern letztlich heilen und wiedereingliedern. Dieses Ethos gewinnt angesichts globaler Herausforderungen, von der Resozialisierung extremistischer Gewalttäter bis zur Bewältigung sozialer Ungleichheit, die viele Kleinkriminelle in den Kreislauf von Kriminalität und Haft treibt, an Bedeutung. Die Mandela-Regeln bieten hier einen Leitfaden für humane Lösungen: Sie fordern Behandlung statt Folter, Ausbildung statt Verwahrlosung, Reintegration statt Ausgrenzung.

Der Nelson Mandela International Day 2025 ruft uns nicht nur die inspirierende Lebensgeschichte eines Mannes in Erinnerung, sondern lenkt unseren Blick auch auf ein oft verborgenes Thema – die Würde der Menschen hinter Gittern. Gefangenenrechte sind Menschenrechte. Die Mandela-Regeln zeigen einen Weg auf, wie jede Gesellschaft besser, gerechter und sicherer werden kann, indem sie auch ihren schwächsten Mitgliedern mit Respekt begegnet. Dieses Bewusstsein zu stärken – dafür steht der Mandela-Tag. Nelson Mandela selbst hat durch sein Leiden und Handeln bewiesen, dass Menschlichkeit im Angesicht von Unmenschlichkeit möglich ist. Es liegt an uns allen, dieses Vermächtnis weiterzutragen: „Make every day a Mandela Day“, im Einsatz für Freiheit, Gerechtigkeit und die Menschenwürde, auch in den dunkelsten Ecken unserer Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert