Vom Modebegriff zur messbaren Störung: Wie der Wandel von ICD-10 zu ICD-11, der Vergleich zum US-System DSM-5 und neue Erkenntnisse der Hirnforschung unseren Umgang mit hochstrittigen Persönlichkeiten im Rechtssystem verändern.

Der Begriff „Narzissmus“ hat in den letzten Jahren eine beispiellose Karriere hingelegt. In den sozialen Medien, in der Popkultur und am Familientisch ist die Diagnose schnell gestellt: Wer egoistisch handelt, gilt als Narzisst. Doch diese inflationäre Verwendung verwässert ein klinisches Phänomen, das insbesondere in der Rechtspraxis, etwa bei Scheidungen, Sorgerechtsstreitigkeiten oder Gewaltschutzverfahren, massive Auswirkungen hat. Ein aktueller Blick in die Wissenschaft zeigt, dass wir es nicht nur mit einem „schwierigen Charakter“ zu tun haben, sondern oft mit fundamentalen neurobiologischen Defiziten. Gleichzeitig vollzieht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit der Einführung des ICD-11 derzeit eine stille Revolution, die das Schubladendenken der Vergangenheit beendet und Gutachtern wie Juristen völlig neue Werkzeuge an die Hand gibt.

Das Ende der Schublade: Der Paradigmenwechsel von ICD-10 zu ICD-11

Jahrzehntelang orientierten sich Psychiater und Gerichtsgutachter in Europa am ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten, 10. Revision). In diesem System war die Welt noch binär geordnet: Entweder erfüllte eine Person die Kriterien für den Code F60.8, die „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“, oder sie tat es nicht. Dieses „kategorische Modell“ erwies sich in der Praxis zunehmend als problematisch. Es führte dazu, dass Menschen, die massives Leid in ihrem Umfeld verursachten, durch das Raster fielen, nur weil sie etwa ein Kriterium zu wenig erfüllten, während andere stigmatisiert wurden, obwohl ihre Sozialprognose günstig war.

Mit dem Inkrafttreten des ICD-11, das seit 2022 gilt und nun sukzessive in die klinische Praxis in Österreich und Deutschland einzieht, hat die WHO dieses System radikal reformiert. Die spezifische Diagnose „Narzisstische Persönlichkeitsstörung“ wurde als eigenständige Kategorie abgeschafft.

An ihre Stelle tritt ein dimensionales Modell. Die Diagnose lautet nun primär „Persönlichkeitsstörung“, ergänzt durch den Schweregrad (leicht, mittel, schwer) und spezifische Wesenszüge, die sogenannten „Trait-Domänen“. Für das, was wir landläufig als Narzissmus bezeichnen, ist im ICD-11 die Kombination aus Dissozialität (Rücksichtslosigkeit, Mangel an Empathie) und einer übersteigerten Selbstwahrnehmung entscheidend.

Dieser Wandel ist für die Rechtspraxis von enormer Bedeutung. In einem Sorgerechtsverfahren ist es für das Gericht weniger relevant, ob ein Elternteil ein medizinisches Label trägt. Viel entscheidender ist die im ICD-11 geforderte Beschreibung des Funktionsniveaus: Wie sehr ist die Person in der Lage, stabile Beziehungen zu führen? Wie stark ist ihre Wahrnehmung der Realität verzerrt? Das neue System zwingt Gutachter dazu, genau diese funktionellen Defizite zu beschreiben, anstatt nur einen Stempel zu vergeben.

Der transatlantische Graben: ICD-11 vs. DSM-5

Spannend ist hierbei der Blick über den Atlantik. Das US-amerikanische Gegenstück zum ICD, das DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) der American Psychiatric Association, hält in seiner klinischen Hauptsektion weiterhin an den alten, starren Kategorien fest – inklusive der klassischen „Narzisstischen Persönlichkeitsstörung“. Dies geschieht vor allem aus Abrechnungsgründen und Tradition.

Doch selbst das DSM-5 gesteht in seiner „Sektion III“ (dem sogenannten Alternativen Modell) ein, dass der dimensionale Ansatz, den das ICD-11 nun weltweit standardisiert, wissenschaftlich überlegen ist. Für europäische Juristen und Mediziner bedeutet dies: Vorsicht bei der Lektüre amerikanischer Studien oder populärwissenschaftlicher Bücher. Sie basieren oft auf einem Diagnosesystem, das wir in Europa gerade hinter uns lassen. Das ICD-11 gilt als moderner, da es fließende Übergänge zwischen „gesund“ und „krank“ anerkennt und den Fokus stärker auf die zwischenmenschliche Dynamik legt, genau dort, wo im Rechtsalltag die Konflikte entstehen.

Ein Blick ins Gehirn: Die Biologie der Empathielosigkeit

Lange Zeit galt Narzissmus als reines Erziehungsprodukt oder psychologischer Abwehrmechanismus. Aktuelle neurobiologische Studien aus den Jahren 2024 und 2025 korrigieren dieses Bild drastisch. Mittels bildgebender Verfahren (MRT) konnte nachgewiesen werden, dass Menschen mit pathologisch-narzisstischen Ausprägungen signifikante strukturelle Veränderungen im Gehirn aufweisen.

Besonders betroffen ist die Graue Substanz in der Anterior Insula (vordere Inselrinde) und im präfrontalen Kortex. Diese Areale sind die Schaltzentralen für unsere emotionale Empathie und die Affektregulation.

Hier muss eine entscheidende Unterscheidung getroffen werden, die für Mediationen und Verhandlungen essenziell ist:

  1. Kognitive Empathie: Narzissten wissen oft sehr genau, was andere fühlen (der Verstand funktioniert). Sie nutzen dieses Wissen, um zu manipulieren oder charmant zu wirken.
  2. Emotionale Empathie: Sie fühlen das Leid des anderen nicht (die biologische Resonanz fehlt).

Diese „Empathielücke“ ist strukturell bedingt. Das erklärt, warum Appelle an das Mitleid („Siehst du nicht, wie die Kinder leiden?“) bei hochgradig narzisstischen Persönlichkeiten oft ins Leere laufen. Es fehlt schlichtweg die neurologische Hardware, um dieses Gefühl zu verarbeiten. Für die Opferberatung bedeutet dies: Die Hoffnung auf echte Einsicht oder Heilung durch Liebe ist oft trügerisch.

Die Gesichter der Störung in der Praxis

Das Bild des lauten, prahlenden Narzissten ist überholt. Die moderne Psychologie und das ICD-11 Trait-System ermöglichen es uns, subtilere Formen zu erkennen, die im Rechtsverkehr oft gefährlicher sind als der offene Großmaul-Typus.

Während der grandiose Narzisst durch Arroganz und offene Aggression auffällt, agiert der vulnerable (verdeckte) Narzisst aus dem Verborgenen. Diese Menschen wirken nach außen oft schüchtern, depressiv oder hypersensibel. Ihre Grandiosität ist introvertiert: Sie fühlen sich der Welt überlegen, aber von ihr verkannt. In Familienkonflikten inszenieren sie sich häufig meisterhaft als Opfer, während sie den Partner durch passive Aggressivität und Schuldumkehr zermürben.

Eine weitere, oft übersehene Variante ist der kommunale Narzisst. Er sucht Bestätigung durch vermeintliche Selbstlosigkeit in Vereinen oder der Öffentlichkeit. Im privaten Bereich oder vor Gericht wird diese „Heiligen-Maske“ oft als Waffe eingesetzt („Wie kann ich gewalttätig sein, wo ich doch so viel Gutes tue?“).

Rechtliche Konsequenzen: § 107c StGB und „Coercive Control“

Die Übersetzung dieser klinischen Erkenntnisse in das Rechtssystem ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Viele Opfer berichten nicht von körperlicher Gewalt, sondern von einem Zustand der Zwangskontrolle (Coercive Control). Dies umfasst Isolation, finanzielle Überwachung, „Gaslighting“ (das systematische Leugnen der Realität) und psychischen Terror.

In Österreich bietet der § 107c StGB (Fortdauernde Belästigung im Wege einer Telekommunikation oder eines Computersystems) hierfür einen wichtigen Anknüpfungspunkt. Er erkennt an, dass Gewalt oft nicht in einem einzelnen Schlag besteht, sondern in einem dauerhaften Klima der Unterdrückung, das die Autonomie des Opfers zersetzt, ein Kernmerkmal narzisstischen Missbrauchs.

Auch das Phänomen des „Post-Separation Abuse“ (Missbrauch nach der Trennung) rückt stärker in den Fokus. Da Narzissten den Kontrollverlust bei einer Trennung oft nicht verkraften, nutzen sie das Rechtssystem als Waffe („Legal Bullying“). Sinnlose Anträge, ständige Abänderungsklagen und die Instrumentalisierung der Kinder dienen dazu, den Ex-Partner weiterhin zu binden und zu bestrafen.

Fazit: Dokumentation statt Diagnose

Für AnwältInnen, BeraterInnen und Betroffene ergibt sich aus der aktuellen Forschungslage eine klare Strategie. Es ist wenig zielführend, vor Gericht mit der Laiendiagnose „Narzisst“ zu operieren, die oft als bloße Beleidigung abgetan wird.

Stattdessen sollte der Fokus auf der detaillierten Dokumentation der Verhaltensweisen liegen, die das ICD-11 als dissoziale Traits definiert: Lügen, fehlende Reue, Manipulation und die Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Diese Verhaltensweisen sind beweisbar und juristisch relevant. Das Verständnis der neurobiologischen Unveränderbarkeit dieser Muster hilft zudem dabei, unrealistische Erwartungen an Einigungen zu dämpfen und den Fokus konsequent auf Abgrenzung und Schutz zu legen. Narzissmus ist keine Entschuldigung für Unrecht, aber die Erklärung dafür, warum herkömmliche Konfliktlösungen scheitern müssen.

One Reply to “Narzissmus: Zwischen Modebegriff, medizinischer Diagnose und juristischer Realität”

  1. Zitat: „ Wie sehr ist die Person in der Lage, stabile Beziehungen zu führen? Wie stark ist ihre Wahrnehmung der Realität verzerrt? Das neue System zwingt Gutachter dazu, genau diese funktionellen Defizite zu beschreiben, anstatt nur einen Stempel zu vergeben.“

    Hierbei, bin ich gespannt wie es sich in der Praxis darstellen wird.
    Stabile wertschätzende Beziehungen müssen erlernt werden.

    Das spürbare wegfallen von klassischen stabilen generationsübergreifenden Familiensystemen, hin zu Institutionellen Versorgungsleistung wie Krappelstube – Kindergarten – Vorschule – Schule – unterschiedlichstem Kreativunterricht – Lehre/Studium – Berufsweg, usw. ist für eine diverse Gesellschaft welche sich nur noch über Leistung definiert, wenig förderlich für eine gesunde partnerzentrierte Beziehung. Dies führt auch vermehrt dazu, dass Alleinerziehende Elternteile, wenig Einfluss auf die Entwicklung und Erziehung ihres Kindes, ihrer Kinder haben, sondern diese Verantwortung an externe Personen delegieren „müssen“.
    Stabile Familie – geht besser, Werte orientiert, geht anders.

    Egoismus, Individualität, freie Entfaltung ohne klare Werte Orientierung, Mangel an Vorbildern, schwankende Rollenbilder, dem Motto entsprechend „probiere dich aus, optimiere dich, du bist nur wertvoll wenn du hohe Klickzahlen auf den (un-)sozialen Medien erreichst, und vieles mehr führt dazu, dass es vermehrt egozentrisch (nicht narzisstisch) orientierte Menschen gibt. Auch weil diese Menschen dem Gefühl verfallen, würden sie sich nicht selbst auf ein Podest erheben, andere klein reden, unterdrücken, dann würden sie nicht gesehen werden – leider ist dieses Gefühl oberflächlich betrachtet nicht ganz falsch.
    Wenn an den Wirtschaft Unis und in Führungskräfte Lehrgängen über Human Kapital gelehrt und gesprochen wird, dann erkennt man schnell wie der Wert eines Menschen tatsächlich bemessen wird, bzw. bemessen werden soll. Oft holen sich dort dann politische Entscheidung‘sträger*innen Anleihen ab, und denken, dass muss das Volk verstehen.

    Wertschöpfung vs. Wertschätzung!

    Ein Ausweg könnte sein:
    Mut zur Entschleunigung im Alltag.
    Klares Bekenntnis zu einem solidarischen Werte System.
    Leistung neu definieren – weniger Abhängigkeit vom Kapital erwirtschaftenden Wirtschaftswachstum, hin zu mehr Gemeinwohl Ökonomie.
    Gemeinsamkeit anstatt Einsamkeit fördern.

    Vielleicht habe ich jetzt die Realität verzerrt, hoffe nie begutachtet zu werden wie ein Werkstück (Ironie Ende).

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