Kriminalität und Jugendliche mit Migrationsgeschichte. Die Veranstaltung fand am 5. Dezember 2025 pünktlich von ab 9.20 bis 16:20, im Festsaal des am Obersten Gerichtshof (OGH) Wien statt. Der Saal war bis zum letzten Platz gefüllt. ExpertInnen lieferten Informationen und Erfahrungen zu ausgewählten Themen rund um Jugendkriminalität mit Migrationshintergrund. Die zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus unterschiedlichen Fachbereichen kamen zusammen, um sich über aktuelle Entwicklungen und Erkenntnisse zu informieren.
Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse
Die Jugend ist wesentlich anständiger als sie durch manche Medien dargestellt wird. Kriminalität von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte entsteht häufig durch kulturelle Prägungen, fehlende soziale Anbindung an die Mehrheitsgesellschaft, Sprachbarrieren, Bildungsdefizite, Vernachlässigung in der Herkunft Familie, Fehlender Familiärer Anschluss, mangelnde individuelle Angebote sowohl in der Freizeit, im Bereich der Bildung, und auch bei der Berufsanbindung. Überfordernde unverständliche Bürokratische Hürden, finanzielle Unterversorgung sind weitere systemische Faktoren.
Kinder und Jugendliche mit Flucht Erfahrung, leiden häufig an psychischen mehrfach Erkrankungen welche, wenn überhaupt weder rechtzeitig, noch richtig und in weiterer Folge unbehandelt bleiben. Das System greift zu spät, sie landen nicht bei den kompetenten Stellen. Meist sind deshalb bei nur einem Jugendlichen schon mehrere Straftaten registriert, bevor dieser strafmündig ist. Ein Hilfsangebot wird im allerbesten Fall von NGO‘s angeboten, welche jedoch mangels interdisziplinärer Zusammenarbeit der befassten Stellen wie, Gesundheitsdienstleister, Polizei, Justiz, und andere, meist keine Kenntnis erhalten. So kommt es häufig vor, dass nur eine einzelne Person mit Migrationsgeschichte oder Fluchterfahrung für eine Vielzahl von Straftaten wohl polizeilich registriert, jedoch nicht strafrechtlich verfolgt werden kann, weshalb auch keine Weisungen gegeben werden – der Jugendliche wird wieder ohne fachliche Betreuung auf die Straße gesetzt, oder mit Zetteln versorgt wo er sich melden kann. Derartige Mehrfachkriminalität ist eher selten, jedoch verändert es die statistischen Zahlen, welche in Österreich keine differenzierten Aussagen liefern. Eine Herabsetzung der Strafmündigkeit ist keineswegs ein taugliches Mittel diesem Umstand zu begegnen. Einig ist man sich, dass ein zeitlich befristetes anhalten in einer geschlossenen Einheit, aus der, ein Jugendlicher nicht einfach unbehandelt rausspazieren kann, man ihn dann aus den Augen verliert, mittels fachlicher Diagnostik und anknüpfender sozialtherapeutischer Maßnahmen, der Gesellschaft wie auch dem betroffenen Jugendlichen selbst, wesentlich mehr hilft, und der bessere Ansatz ist. Sofia Kuhn-Natriashvili, berichtet über ihre persönliche Erfahrung mit einem jugendlichen Mehrfach Straftäter (14) welcher derzeit von ihr intensiv betreut wird, dass dieser seit 14 Tagen durchgehend von Weinkrämpfen belastet ist. Er gibt an, er möchte so gerne ein guter Mensch sein. Eine Diagnose ist bereits gestellt, es kann nun mit ihm an seiner Zukunft gearbeitet werden – er ist ein toller Junge, kein Einzelfall, sie betont noch einmal wie wichtig es ist, eine korrekte Anamnese und Diagnose zu erfassen, um in Folge ein wirkungsvolles Betreuungssetting auf bauen zu können. Ja, das braucht Fachkräfte und Finanzierung.
Durch eine oberflächliche, häufig vorverurteilende, sogar unrichtige Berichterstattung, aber auch durch fachlich nicht den Standards entsprechenden Gutachten, entstehen noch mehr Schäden, da die Jugendlichen keine Vertrauensbasis finden können. Beispielsweise wird nicht auf die Entwicklungskurve der Hirnstruktur von Kindern und Jugendlichen eingegangen, diese ist in jedem Fall unabhängig von einem Pass, jedoch vom Biologischem Alter – am gefährlichsten kann der 20-jährige Mann ausgemacht werden. Weiters ist ein Mangel an geeigneten Dolmetschern und Zeit Ressourcen hinderlich, speziell im Bereich der Forensik, Heidi Kastner, berichtet hierzu einige negativ Beispiele aus ihrer Praxis, sie rät dazu sich eine Person für die Zusammenarbeit suchen, von dieser keine Übersetzungsfehler oder noch schlimmer, eigene Interpretationen während einer Begutachtung wieder gegeben werden. Eine eher geringe Entlohnung bei gleichzeitig hohem Arbeitsaufkommen, ist ebenfalls eine Gefahr um qualitätsvolle wie auch den Standards entsprechenden Gutachten zu erstellen. Im Bereich der Medien wird die Öffentlichkeit häufig falsch informiert, betont Dr.in Beate Matschnig, sie schlägt eine engere Zusammenarbeit vor, sie hatte dies während ihrer Amtszeit praktiziert, und es hat funktioniert. Es entsteht vermehrt eine falsche Darstellung der Delikte und der Häufigkeit von Delikten – paradox aber schlechte Nachrichten verkaufen sich besser. Beispielsweise bei Sexualdelikten, hierbei liegt oftmals eine nicht diagnostizierte und behandelte schizoaffektive Störung vor. Derartige Delikte sind wesentlich geringer als von der Gesellschaft gefühlt.

Bei Ursachen von Jugendkriminalität ist mit zu denken: Konsum von Drogen, insbesondere Mischkonsum, führt auch zu Veränderungen der Persönlichkeitsstruktur und wirkt direkt auf das noch nicht voll entwickelte Gehirn schädlich ein (z.B. Betäubung). Störungen des Sozialverhalten, psychische Störungen wie, Intelligenz Minderung, ADHS, Schizophrenie, usw. Dissoziale Peers, patriarchalisches Rollenverständnis, mangelnde gewaltlose soziale Umgebung, Wahrnehmung von Feindseligkeit, fehlende geeignete und vollständige integrierte Vorbilder innerhalb migrantischer Communitys sind selten. Emotionale Vernachlässigung, Gewalt im Elternhaus, Unausgereifte Persönlichkeit, Einsamkeit, und anderes mehr sind Verstärker der Jugenddelinquenz (Gesamtheit strafrechtlicher Verstöße junger Menschen im Alter von etwa 14 bis 25 Jahre.) In Österreich dürfen, erst seit kurzem, Kinder und JugendpsychologInnen mit Personen bis zum 25. Lebensjahr arbeiten. Dieses war bisher in Österreich nur bis zum 21. Lebensjahr möglich. Man hat also bereits auf die Erkenntnisse aus dieser Berufsgruppe und der Hirnforschung reagiert.
Im Bereich von Hass Kriminalität und Ehrenmorde, welche eher selten in Österreich stattfinden, lässt sich ein kultureller wie historischer Hintergrund statistisch festmachen. Hierbei muss man daran denken, und niemals vergessen, dass auch die Österreichische Gesellschaft vor nicht langer Zeit derartige Verbrechen begangen hat. Fremdenfeindlichkeit, Alltags Rassismus, bleibt von Jugendlichen mit Migration,- und Fluchtgeschichte nicht unbemerkt. Es ist also auch in diesem Feld auf eine positive Entwicklung der Jugend zu vertrauen, wenn sie nicht in ihrer toxischen Familiären Struktur gebunden bleiben, wo Großväter und Väter beispielsweise ihre jüngsten Söhne beauftragen, welche dann unter großem Druck und unter Gefahr ihr eigenes Leben zu verlieren, eine derartige Straftat ausführen müssen, keinesfalls wollen. Wer wirklich hinter der Tat steht, kann von den jugendlichen nicht Preis gegeben werden, denn der Familien Clan würde ein Leben lang Rache ausüben. Man merkt also, unter welchem Druck die meisten Jugendlichen mit Migrationsgeschichte stehen.
Allgemeiner Eindruck dieser Fachtagung:
Besonders hervorgehoben wurden die Bedeutung von Zusammenarbeit, die Notwendigkeit flexibel auf Veränderungen zu reagieren. Die Teilnehmenden konnten wertvolle Kontakte knüpfen und praktische Impulse für ihre eigene Arbeit mitnehmen. Insgesamt war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Sie bot nicht nur eine Gelegenheit zur Weiterbildung, sondern förderte auch den Austausch und die Vernetzung zwischen den Teilnehmenden. Die gewonnenen Erkenntnisse und Impulse werden sicherlich nachhaltig nachwirken und zur Weiterentwicklung des jeweiligen Fachgebiets beitragen.
Mein persönliches Fazit:
Wir als Gesellschaft haben es allein in der Hand, Jugendliche anzunehmen, sie anzuleiten, ihnen ein Vorbild sein, ihnen sagen welche Form des Zusammenlebens in Österreich gewünscht ist, und ihr eigenes Leben verbessert sowie auch sichert. Wir müssen ihnen dann jedoch auch die Chancen geben das alles zu üben und zu erproben, wenn nötig sie auch eine Zeitlang bei der Hand nehmen.
Mein persönlicher Zugang zur Rolle der Medien, besonders im Zusammenhang mit Jugendkriminalität: Zusammenarbeit mit FachexpertInnen suchen, keine Vorverurteilungen, erst nach einem Urteilspruch berichten – so mache ich meine Arbeit bei Menschen und Rechte.
Keinesfalls dürfen wir diese Generation verlieren! Die Jugend ist nicht Lost (Dr.in Beate Matschnig, Jugendrichterin a.D). Bleiben Sie zuversichtlich, achten Sie auf Ihre Gedanken und Gefühle.
Veranstalter: Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien
Ehrenschutz: Bundestministerin für Justiz Dr. in Anna Sporrer
Programmhöhepunkte:
Eröffnung durch die Veranstaltungsleitung mit einer Begrüßungsrede OMR Dr. Johannes Steinhart, OGH Univ.-Prof. Dr. Georg Kodek, MR Dr. Peter Posslusny.
Themen:
Impuls- und Emotionssteuerung bei Jugendlichen – klinische Differenzialdiagnostik: Dr. med. Oliver Bilke-Hentsch
Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie: Ein Seismograf unserer Gesellschaft? Univ.-Prof.in Dr. in Kathrin Sevecke
Lost- unsere Jugend oder unsere Gesellschaft? Dr.in Beate Matschnig
Psychische Auffälligkeiten im Jugendstrafvollzug: Dr.in Sofia Kuhn-Natriashvili
Die psychiatrische Begutachtung von Personen mit Migrationshintergrund- Herausforderungen und Fallstricke: Prim.a Dr.in Adelheid Kastner
MigrantInnen und Flüchtlinge in Österreich: Epidemiologie und Delinquenzbelastung: Dr. David Holzer
Ehrenmorde, Blutrache, Femizide und gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen: Univ.-Prof Dr. Thomas Stompe
MigrantInnen und Flüchtlinge als Opfer von Hassverbrechen: Prim. Dr. Sergio Rosales- Rodriguez.
