Eine neue Studie zeigt, wie stark unbewusste Effekte die Bewertung von Häftlingen prägen, und wie schwer Objektivität tatsächlich zu erreichen ist.
Strafvollzug und bedingte Haftentlassung sind in der Wissenschaft nur Randgebiete. Eine neue Studie von Dr. K. Grechenig, LL.M., B.Sc., M.Sc. (er ist Jurist und Psychologe), die demnächst im internationalen (peer-reviewed) Journal Psychology, Crime & Law unter dem Titel Experimental Evidence on Primacy Effects in Parole Decisions erscheint, untersucht die Auswirkungen von kognitiven Verzerrungen bei Entscheidungen über bedingte Haftentlassungen.
Kognitive Verzerrungen (im Zusammenhang mit richterlichen Entscheidungen) umfassen eine große Bandbreite kognitiver Effekte, wie Rückschaufehler, Egozentrismusverzerrung, Ankereffekte, Bestätigungsfehler, Framing-Effekte, den Halo-Effekt, Kontrasteffekte, etc.. Sie wurden in anderen Zusammenhängen vielfach untersucht und für verschiedene Rechtsgebiete über die letzten Jahrzehnte u.a. vom Forscherteam um Rachlinski, Wistrich & Guthrie dokumentiert.
In der vorliegenden Studie untersucht der Autor konkret Reihenfolgeeffekte bzw Primäreffekte (primacy effects) und Rezenzeffekte (recency effects). Auf Basis von rechtlichen Vorgaben zur bedingten Entlassung in deutschsprachigen Staaten (Ö, D, CH) erhielten die Probanden Informationen über einen potentiell zu entlassenen Häftling. Während eine Gruppe positive Information zu Beginn (und negative Information am Ende) erhält, erhält die andere Gruppe dieselbe Information allerdings in umgekehrter Reichenfolge. (Die Reihenfolge weiterer Informationen dazwischen können die Probanden selbst wählen.) Nach Erhalt aller Informationen mussten die Probanden die Gefährlichkeit und die Rückfallswahrscheinlichkeit einschätzen.

Das Ergebnis war, dass Probanden, die die positive Information zu Beginn erhalten, positivere Einschätzungen über den Häftling sowohl bezüglich der Gefährlichkeit wie auch bezüglich der Rückfallswahrscheinlichkeit abgaben. Dies bedeutet, dass Primäreffekte in diesem Kontext stärker wirkten als Rezenzeffekte (die in anderen Kontexten und Studien größere Auswirkungen hatten). Anders ausgedrückt wirken erste Eindrücke mehr als jüngste vergangene Information.
Verglichen mit einem standardisierten, aktuarischen Prognoseinstrument zeigte sich darüber hinaus, dass unabhängig von der Reihenfolge der Information, die Rückfallswahrscheinlichkeit – gemessen an der statistischen Wahrscheinlichkeit – signifikant überschätzt wird. Dies bedeutet, dass lieber ein nicht gefährlicher Straftäter (irrtümlicherweise) hinter Gittern gesehen wird, als dass (irrtümlicherweise) ein gefährlicher Straftäter freigelassen wird. Beide Fehler sollten vermieden werden, der erste Fehler wird jedoch als bedrohlicher eingestuft.
Es ist offensichtlich, dass Häftlinge die Reihenfolge der Information, die von den Entscheidungsträgern herangezogen werden, nicht beeinflussen können. Aus institutioneller Sicht sollte die Reihenfolge der Information jedenfalls keinen Einfluss haben. Gleichzeitig ist zu bedenken, dass es sich bei den kognitiven Verzerrungen um allgemeine kognitive Phänomene handelt, denen alle Menschen, vor allem auch sämtliche Experten in ihren Expertisebereichen bis zu einem gewissen Grad unterlegen sind.
